28.08.2025: Stubbeköbing, Vejrö, Svendborg und Artikel über "NYALA" im Palstek
Montag, 25.08.:
Nachdem ich gestern Abend in der Hafenkneipe mit unseren Nachbarn – die schon vorher nicht ins Glas gespuckt haben – ein Bier getrunken habe, habe ich ernsthafte Zweifel, ob die „Lotta“ tatsächlich um sieben Uhr auslaufen will. Wir stehen trotzdem um Viertel nach sechs auf und Duschen an Bord. Als Nici noch unter der Dusche steht – sie hatte mir wie fast immer den Vortritt gelassen -, beginne ich mit den Auslaufvorbereitungen. Viele Yachten sind schon unterwegs, ob die wohl alle nach Hause müssen oder liegt es vielleicht daran, dass der Wind über den Tag zunehmen soll?
Ich entscheide mich dafür, es zunächst nur mit der Genua zu probieren, das Groß ist aber auch schon – im ersten Reff – klar zum Setzen.
Um 06:50 sind wir fast auslaufklar, als sich auf der „Lotta“ die ersten beiden noch etwas zerknittert aussehenden Seeleute aus dem Niedergang schälen. Der Nachbar wirft unser Landanschlusskabel und die Achterspring rüber und schon fahren wir los. Ganz in Ruhe drehen wir noch zwei Runden im Hafen, damit meine Liebste genügend Zeit hat, auch das Vorschiff seeklar zu machen.
Noch in der Hafeneinfahrt rollen wir die Genua aus. Da bemerke ich, dass das von mir selbst (wegen des Schwaden des Wasserkochers) geöffnete Kombüsenluk nicht verschlossen ist. Kein Problem, schnell runter gesprintet und verriegelt, weiter geht es.
Nur auf der Genua haben wir zu wenig Druck im Boot und dümpeln mit mageren fünf Knoten gen Südwest. Mit dem gerefften Groß fängt die „NYALA“ an richtig zu segeln. Trotz der suboptimal geschnittenen Genua und der aus meiner Sicht zu weit innen stehenden Genuaschiene laufen wir mehr Höhe als die Mitbewerber (die allerdings teilweise auch deutlich kleiner als wir sind) und ganz erheblich schneller. Ein innerliches Grinsen macht sich in mir breit, als Logge und GPS hoch am Wind zwischen sieben und siebeneinhalb Knoten anzeigen. Was für ein prima Boot, denke ich verschmitzt.
Teils unter Autopilot, teils von Nici manuell gesteuert, laufen wir auf die östliche Ansteuerung des Grönsundes zu. Zunächst können wir höher als erforderlich steuern, etwa zwei Meilen vor der Ansteuerung fängt der Wind jedoch plötzlich an zu schralen. Das bedeutet zwar einen kleinen Umweg, ich hoffe jedoch, dass wir dann zumindest das erste Stück zwischen Hestehoved und Harbølle Pynt segeln können.
Als die erste Tonne der Rinne an Steuerbord querab liegt, fahren wir eine Wende und versuchen unser Glück. Nach zwei Minuten auf gutem Kurs dreht der Wind zurück. Mist, die letzten fünf Meilen müssen wir unter Maschine laufen. Wir rollen erst die Genua ein und bergen dann auch das Großsegel. Dankenswerterweise ist kaum Strom im Grönsund und das kleine bisschen Rest-strömung ist mit uns. Manchmal hat man hier bis zu drei Knoten Strom. Wenn man dann noch gegen viel Wind andampfen muss, wird es mühsam.
Als wir vor der Rinne zu Fischereihafen von Stubbeköbing stehen, kommen auf einmal mindestens fünf Yachten aus dem Hafen. Prima, so können wir uns einen guten Platz aussuchen. Um viertel nach zehn liegen wir auf sechs Fendern und zwei Fenderbrettern längsseits an der Pier im Fischereihafen. Ein nettes Paar aus Kamen mit ihrer Aluyacht „Aquawitt“ hat unsere Leinen angenommen, sehr nett. Nici verlegt das Landstromkabel, ich spüle unsere Aufbauten ab.
Ich möchte mir mal die Füße vertreten und gehe zum Fischerei-Ausrüster und kaufe eine neue Dose seidenmatten Lack für die Bodenbretter. Irrtümlich hatte ich in Schweden zwar die richtige Lacktype, aber die falsche Oberflächenausführung erstanden. In paar Flickstellen in den Bodenbrettern glänzten viel zu stark, was sich auch durch vorsichtiges Anschleifen mit feinem Papier und Schleifvlies nicht korrigieren ließ.
Am Nachmittag legt neben uns eine ungepflegt wirkende Kieler Dufour 40 mit einer fünfköpfigen Familie neben uns an, obwohl noch an anderen Stellen Platz an der Pier gewesen wäre. Dann hätten diese Menschen aber wohl ein Fenderbrett haben oder einsetzen müssen, wozu die wohl keine Lust haben. Ich weise sie darauf hin, dass wir morgen recht früh loswollen. „Wann ist denn früh“ fragt die tonnenförmige Frau des Skippers. „Gegen sieben Uhr“ antworte ich wahrheitsgemäß. „Jost, die wollen um sieben Uhr morgen früh raus“ sagt die Matrone zu ihrem noch dickeren Mann. „Kein Problem“.
Damit lässt sich das Übel nicht mehr verhindern. Erst fahren sie uns in die Fender, dann verlegen sie ihr Landstromkabel durch unser Cockpit. „Wir haben leider kein längeres“. Das taucht dann auf, als sie mit dem ersten Kabel ein Problem haben. Das zweite wird nun vorn herum gelegt, das andere bleibt aber bei uns im Cockpit.
Danach setzt die Völkerwanderung ein. Mindestens sechsmal rennt die komplette Familie über unser Schiff, jedes Mal in Reling oder Decksbeschlägen hängenbleibend. Ein Sohn von diesem Traumpaar, zum Glück nicht so unförmig wie seine Erzeuger, läuft über die „NYALA“ ohne auch nur ein einziges Mal die Augen von seinem Handydisplay zu nehmen. Dementsprechend oft bleibt er hängen. Am liebsten würde ich diese Nachbarn einfach losschmeißen, aber so staut sich meine Wut bis nachts um halb eins, da läuft der Alte nochmal an Land, wahrscheinlich weil sein Geschäft die Bordtoilette überfordert hätte…
Dienstag, 26.08.:
Als ich um zwanzig vor sieben mit dem Feuerzeug auf das Deck unserer geliebten Nachbarn klopfe – um sicher zu gehen, dass sie auch um sieben auslaufklar sind – ranzt mich der Nachbar an: „Ich höre gut, und wenn ihr um viertel vor sieben loswollt, dann sagt das gefälligst vorher!“ Natürlich muss seine Matrone nochmal über unser Deck trampeln, das ich vorher - auf den Knien rustschend - von dem Mist aus den Sohlen der Familie befreit hatte.
Der leichte Wind kommt wieder genau von vorn, ganz wie es Wetterwelt vorhergesagt hatte. Zum Glück sind es bis Vejrø nur 22 Seemeilen.
Auf der Fahrt dorthin führen wir ein sehr gutes Gespräch über einige Probleme, die wir während der letzten drei Monate miteinander hatten und die uns gestern noch an den Abgrund unserer Beziehung brachten. Wir hatten beide keine gute Nacht und haben viel nachgedacht. Das voneinander unabhängige Fazit war, dass wir uns trotz mancher Auseinandersetzung auch weiterhin wollen und zusammenhalten möchten. Wir sind beide sehr froh, dass wir zumindest vorerst wieder klar und nach vorn sehen können.
Um elf Uhr laufen wir in den kleinen, aber sehr feinen Hafen von Vejrø ein und können uns einen feinen Liegeplatz aussuchen. Die Insel in Privatbesitz bietet eine wunderschöne Landschaft, einen schönen Strand mit feinem Sand, ganz außergewöhnlich gute sanitäre Anlagen und Sitzgelegenheiten und Feuerstellen in unmittelbarer Nähe der Stege in mehr als ausreichender Menge. Für die 400 Kronen Hafengeld sind Leihfahrräder (wenn denn welche verfügbar sind), Feuerholz und Grillkohle, Strom und Wasser und die Nutzung der sanitären Anlagen inklusive Waschmaschinen und Wäschetrocknern eingeschlossen. Man kann sich wirklich wohlfühlen in diesem wunderbar idyllischen exklusiven Hafen.
Die üppigen, gemessen an den Inklusivleistungen aber angemessenen Hafengebühren sorgen für ein etwas exklusiveres Publikum als beispielsweise auf den benachbarten Inseln Femø und Omø, die Gastboote sind entsprechend größer. Mit unseren dreizehneinhalb Metern Länge gehören wir gerade mal zum Durchschnitt.
Neben unseren „Freunden“ von gestern – von uns als Familie Flodder verunglimpft – laufen mit vorrückender Zeit immer mehr Boote ein, der Hafen füllt sich langsam. Am Nachmittag läuft ein altes kleines Motorboot mit einem dänischen Pärchen ein, was uns gegenüber festmacht. Im Bauch des Bootes tuckert ein – am Klang deutlich zu erkennender - alter Bukh-Diesel mit zwei Zylindern. Das tut er auch noch eine Viertelstunde später.
Die kleinwüchsige Frau des dänischen Bootes läuft aufgeregt durch den Hafen und spricht jeden an, ob er zufällig Ahnung von Motoren hätte, sie könnten ihren nämlich nicht ausbekommen. Ich verneine, erstens weil ich mich nicht als Motorspezialisten sehe, zweitens weil ich keine Lust habe den Nachmittag über einem alten öligen Diesel zu verbringen.
Zwei Deutsche helfen dem Pärchen. Der Stoppknopf hat ein Kontaktproblem, lässt sich aber nicht ohne Weiteres ausbauen. Das Drehen des Dekompressionshebels sorgt zwar für einen deutlichen Drehzahlabfall, mehr aber auch nicht. Auch das Zuhalten des Luftfilters hilft nicht weiter, weil der Motor noch ausreichend Nebenluft ziehen kann. Einen Absperrhahn am Dieseltank gibt es auch nicht.
Die beiden deutschen Helfer telefonieren mit Freunden und überlegen, ob sie die Leitungen der Einspritzdüsen an den Zylindern abschrauben sollen, die aber festgegammelt sind. Schlussendlich schrauben die beiden den Dieselfilter ab, dann ist endlich Ruhe.
Derweil haben Nici und ich Feuerholz und Grillkohlen geholt, Anmachholz gespalten und ein Feuer angezündet. Schon bald gesellen sich Timo (einer von den beiden Helfern), sein Sohn Luke und seine Frau Christina zu uns, mit denen wir einen netten Abend verbringen.
Neben uns legt eine große Contest namens „Ithaka“ an. Deren Eigner kommt mit seiner Frau vorbei, hält einen Moment an und spricht mich dann an: „Wo hast Du denn Deine Swan gelassen“. „Ich hatte nie eine Swan, aber eine Baltic 37. Kennen wir uns?“, frage ich zurück.
Der Typ ist Rainer, ein Osteopath aus Düsseldorf und früherer Stegnachbar von mir in Hindeloopen. Wir haben uns seit 2017 nicht mehr gesehen, er hat mich an meiner markanten Stimme erkannt. Auch mit ihm haben wir einen lustigen Schnack, in dem er begeistert von den fantastischen Segeleigenschaften seiner Contest schwärmt. Ich glaube ihm fast alles, dass er damit aber schon Höchstgeschwindig-keiten von 16 – 17 Knoten erreicht hat, erscheint mir allerdings fragwürdig.
Nach dem Dunkelwerden packen wir unsere Sachen zusammen und gehen glücklich an Bord. Es war ein toller Tag. Keiner von uns hätte nach dem Streit von gestern gedacht, dass wir einen so schönen und harmonischen Tag erleben würden.
Mittwoch, 27.08.:
Wieder laufen wir schon um sieben, diesmal als eines der ersten Boote, aus dem Hafen von Vejrö. Direkt nach der Hafeneinfahrt geht das ungereffte Groß hoch und dabei bleibt es auch erstmal, weil wir bis nach der Rundung der Nordspitze von Langeland fast platt vor dem Wind laufen. Gleich zu Anfang der Fahrt laufen wir nur unter dem Großsegel schon mehr als sechs Knoten und eigentlich wollen wir ja nur bis Lundeborg. Das wären bei unveränderter Geschwindigkeit dreieinhalb bis vier Stunden.
Nach der problemlosen Querung des Tiefwasserweges im Großen Belt hole ich mir noch eine neue Wetterprognose. Während die gestrige Prognose für den heutigen Tag komplett und für Donnerstag Vormittag noch Südost angesagt hatte, wird nun schon heute südrehender Wind und für morgen Flaute prognostiziert.
Nach kurzer Überlegung entscheiden wir uns den noch günstigen Wind zu nutzen und schon heute bis Svendborg zu fahren. Der für Lundeborg ideale Weg über das Riff zwischen Langeland und Fyn durch das Kobberdyb ist für Svendborg suboptimal, weil wir bei dem nun schon langsam rechtsdrehenden Wind Höhe verschenken würden. Deshalb fahren wir mit Südkurs an der Westseite von Langeland hoch am Wind bis zum Smørstakkeløb, nutzen die enge Passage durch diese Rinne und luven dann wieder an, um mit Kurs 208° die Südtonne am Thurø-Rev an Steuerbord liegenlassen zu können.
Wir haben einige Mitläufer, die alle weniger Höhe oder/und weniger Speed laufen als wir. Beim Überholen sehen wir allerdings, dass die Gegner deutlich kleiner sind als wir, also nur verhaltene Freude.
Um 12:45 Uhr laufen wir in den Stadthafen von Svendborg ein, der erwartungsgemäß noch relativ leer ist. Unsere „Gegner“ von eben, eine schnelle Dehler 39 und eine ebenfalls fixe Kaskelot loben beide nach dem Anlegen die Segeleigenschaften der Breehorn 44. Die Eigner von der Kaskelot, einer davon Bootsbauer bitten um einen Besichtigungstermin an Bord.
Erst danach – beide sind sehr angetan – gehen wir zu Bendixen’s Fischimbiss, um den obligatorischen „Warmen Fischteller“ zu essen. Am Nachmittag bekomme ich auf dem Steg einen frischen Haarschnitt und Nici zur Belohnung ein leckeres Eis. Der Skipper hat sich nach Qualen beim Ausdrücken durch Nici auch eins, sozusagen als Schmerzensgeld verdient.
Zum krönenden Abschluss des Tages gehen wir auf ein Konzert auf der Welle am Hafen, was von der Svendborg Kommune, der Bank von Fünen und ein paar weiteren Sponsoren finanziert wurde. Eine junge kanadische Sängerin und Songwriterin singt wunderschöne Folkballaden, die alle irgendwie mit Familie zu tun haben und begleitet sich dabei selbst auf der Westerngitarre. Bei den letzten drei Songs wird sie noch von einem alten Svendborger mit einer Dobro-Gitarre unterstützt. Es war das letzte Konzert der diesjährigen Saison auf der Welle. Ein paar Youtube-Videos der aus meiner Sicht sehr talentierten Kanadierin gibt es unter www.ajayemusic.com
Nach unser Rückkehr rufe ich bei Mikkel und Heidi an, die ich im letzten Jahr in Norwegen kennengelernt hatte. Wir haben das ganze Jahr über Kontakt gehalten. Im letzten Jahr haben meine beiden MS-kranken Freunde noch an Bord ihres 40-Fuß Koopmans-Design gelebt, haben sich aber nach einem kalten und öden Winter im Odense-Fjord dazu entschlossen ein kleines Haus in Fåborg zu kaufen, um wenigstens in den kalten Monaten eine warme Bleibe zu haben.
Im Sommer soll das Haus – nach der nun weitgehend abgeschlossenen Renovierung – vermietet werden. Mikkel arbeitet inzwischen jeden Tag bei einem Bootszubehör-Shop. Mal sehen, ob und wann die beiden wieder mit ihrem Boot – was der Breehorn übrigens recht ähnlich ist – wieder loskommen.
Wir haben ins Auge gefasst, dass wir uns am Samstag in Fåborg treffen. Ich hoffe sehr, dass es klappt, weil mir die Beiden wirklich am Herzen liegen. Zwischen Mikkel und mir war es so etwas wie komplettes Verständnis auf den ersten Blick.
Donnerstag, 28.08.:
Zum Frühstück gibt es statt toller frischer Brötchen, auf die ich mich schon seit Tagen freue, zunächst Restbestände aus unseren Proviantlasten. Sowohl Nici’s Joghurt als auch meine Aufbackbrötchen sind schon seit ein paar Tagen über das Mindesthaltbarkeitsdatum, und auch unser Aufschnitt ist nicht mehr gerade schnittfrisch. Das gleiche gilt für in Kopenhagen gekaufte Kuchenreste, die die besten Tage hinter sich haben. Zum Wegwerfen waren die genannten Artikel noch viel zu schade, deshalb ist Essen die einzige sinnvolle Verwertungsmöglichkeit.
Um kurz nach neun machen wir uns auf den Weg zur Anlegestelle der kleinen Fähre „Helge“, die seit 1924, also seit über hundert Jahren als eine Art Linienbus zwischen Svendborg, Thurö und Tåsinge dient. Das lustig aussehende Schifflein hat es mir seit vielen Jahren angetan. Heute ist eine gute Gelegenheit damit einen Ausflug zum Valdemars Slot in der Nähe von Troense auf der zwischen Fyn und Langeland liegenden Insel Tåsinge zu machen.
Pünktlich um halb zehn legt die Fähre ab, der Kapitän hatte aber vorher noch Zeit für einen kleinen Schnack mit uns. Er erzählt auf Nachfrage, dass der seit einigen Jahren hier zum Verkauf stehende Eisbrecher „Thorbjörn“ noch immer keine Interessenten finden konnte. „Der soll Du kaufen, ist ein prima Hausboot und den kann Du auch in kalte Regionen nutzen“.
Weiter berichtet er mir, dass die in meiner Kindheit noch täglich von kleinen Küstenmotorschiffen frequentierten Ladeplätze vor den riesigen Getreidesilos kaum noch genutzt werden. Der ältere Silo wird nicht mehr benötigt, vor dem neuen werden nur noch LKWs beladen. Der Kapitän meint, dass die Silos längst abgerissen worden werden, wenn dort nicht so viel Asbest verbaut worden wäre. Ringsum stehen bereits einige neue und repräsentativ gebaute große Gebäude.
Nach einer dreiviertel Stunde Fahrzeit kommen wir nach vier weiteren Stopps im Svendborgsund bei unserem Ziel, dem Valdemars Slot (Schloss) an. Dieses sehr schöne Schloss wurde von König Christian IV von 1639 bis 1644 für seinen Sohn Christian Valdemar erbaut, der es jedoch nicht mehr nutzen konnte, weil dieser im Krieg gegen Polen fiel.
Der dänische Seeheld Admiral Niels Juel erhielt es dann als Geschenk vom König für seinen Erfolg in der Seeschlacht von Køge gegen die Schweden im Jahr 1710, in der Juel die beiden schwedischen Linienschiffe „Drei Kronen“ und „Prinzessin Ulrika Eleonora“ versenkte.
Seitdem ist das Schloss im Besitz der Familie Juel, der zeitweise die gesamte Insel Tåsinge gehörte. Die jetzige Generation ist jedoch offenbar so zerstritten, dass ein angemessener Erhalt des Schlosses mit vielen in den Jahren 1870 bis 1882 zusätzlich erbauten Gebäuden nicht mehr möglich erscheint.
Ein Teil der Erben hat deshalb quasi des gesamte Mobiliar verkauft und der andere Teil versucht mit Kunstausstellungen so viele Besucher zu generieren, dass die Substanz einigermaßen erhalten werden kann. An vielen Gebäuden bzw. Teilen davon nagt aber ordentlich der Zahn der Zeit, fast alle Fenster beginnen zu rotten und ohne Möbel fehlt dem Schloss einfach jeglicher Charme, den ich von meinem letzten Besuch so gemocht hatte.
Auch die Kunstausstellungen treffen nicht unseren Geschmack, so sind wir sehr enttäuscht, als wir nach der Besichtigung im Schlosscafé Kaffee und Cola zu uns nehmen. Bis zur erneuten Abfahrt der „Helge“ am Anleger vor dem Schloss haben wir noch eine gute Stunde Zeit, deshalb schlage ich vor, dass wir zu Fuß nach Troense laufen, damit Nici auch dieses nette Dorf noch von der Landseite aus besichtigen kann.
Viele alte Kapitäns- und Lotsenhäuser säumen die Hauptstraße von Troense, leider gibt es das alte Schifffahrtsmuseum mit der Henry Rasmussen Sammlung von Halbmodellen seiner - teils zur Legende gewordenen - Rissen des „Magiers von Vegesack“ und Mitbegründer der immer noch sehr renommierten Werft Abeking und Rasmussen nicht mehr.
Nach kurzer Wartezeit steigen wir am immer noch sehr beliebten Yachthafen von Troense wieder auf die „Helge“, die nun über den Museumshafen von Svendborg weiter zum Hotel „Stella Maris“ an der Nordseite des Svendborgsunds, westlich der Brücke und dann zurück zum Stadthafen fährt. Nach der Ankunft haben wir Brüllhunger, den wir bei Bendixens Fischimbiss mit Schollenfilets mit Pommes und Remoulade stillen.
Nici geht danach noch in die Stadt, während ich begierig den schönen Artikel über die „NYALA“ im neuen Palstek aufsauge. Mein Freund Stefan aus Kiel hatte mir diesen dankenswerterweise zugeschickt. Interessierte finden den Artikel gleich unten und auf dieser Seite unter der Rubrik "Das Boot" links zum Download.
Auch wenn uns die Schlossbesichtigung sehr enttäuscht hat, hatten wir beide wieder einen tollen Tag mit schönen Unterhaltungen und eine Menge Spaß bei den negativen Kommentaren von mir zu den „Verbrechern“ die uns mit komischen Kunstwerken in ihr vergammeltes Schloss locken wollten.
Und hier noch ein paar Bilder von Vejrö und aus Svendborg:
25.08.2025: Heruntergefallene Decken zu Hause und Starkwind nach Klintholm
21.08.2025:
Um elf Uhr verlassen wir die „NYALA“, die uns nun auf den Tag genau drei Monate – bei Nici war es eine Woche weniger - ein prima Zuhause war. Ich kontrolliere nochmals alle Fender (besonders die zusätzlichen „Anti-Ramming Fender“ am Spiegel), alle Leinen und nehme die Nationale und die Gastflagge weg.
Dann laufen wir zur Metro-Station und sind eine halbe Stunde später am Flughafen Kastrup. Der Flughafen wirkt ein wenig unübersichtlich, der Weg zu den drei Terminals geht – verständicherweise – in verschiedene Richtungen, es scheint jedoch nur eine zentrale Sicherheitskontrolle für alle Terminals zu geben. Auch das Gate für unseren Flug ist eine Stunde vor Abflug noch unklar. Aber alles klärt sich mit dänischer Gelassenheit und unser Flieger geht nicht nur pünktlich in die Luft, sondern landet auch noch pünktlich.
Per UBER-Taxi geht es dann vom Flughafen für Nici nach Hause und für mich zur S-Bahnstation Hochdahl-Millrath, wo mir die S-Bahn vor der Nase wegfährt. Wäre ich eine Minute eher angekommen, hätte ich sie noch bekommen. So sehe ich nur die Rücklichter. Die nächste S-Bahn fährt leider erst eine halbe Stunde später und dann nicht bis Schwelm, sondern nur bis Wuppertal-Oberbarmen, wo ich erneut fast zwanzig Minuten warten muss. Ähnlich gestaltet sich das bei meiner Ankunft am Schwelmer Bahnhof, wo ich auf den nächsten Bus, der in die Nähe meines Hauses fährt, wiederum zwanzig Minuten warten muss.
Entnervt will ich ein Taxi nehmen, aber es ist keins da. Fünf Minuten später kommt dann ein Taxi und fährt mich für knapp fünfzehn Euro nach Hause. Dort erwarten mich zwei, zumindest zum Teil heruntergefallene Gipsputzdecken. Sowohl in einem der Kinderzimmer, wie auch in der Abstellkammer neben der Küche hat der Putz die Haftung auf dem Beton verloren und ist nach nunmehr elf Jahren runtergefallen.
Meine Tochter Ylva hilft mir beim Aufräumen und Saubermachen, bevor ich mit ihr in der Schwelmer Oberstadt im „Müöllendieck“ zum Abendessen gehe. Wir genießen beide unsere ersten Pfifferlinge in diesem Jahr, Ylva mit einem veganen Schnitzel und ich mit einem Stück Rinderfilet. Dazu erhalten wir beide knusprige Pommes und einen leckeren Salat, ein kleiner Traum, der den ansonsten bescheidenen Tag rettet. Nun freue ich mich auf mein Bett, die Tagesschau und das Heute-Journal.
Freitag, 22.08.:
Heute ist die Beisetzung von Nici’s Vater. Um zum Friedhof nach Wuppertal-Cronenberg zu kommen, holt mich Nici’s Freundin Netti um halb neun zu Hause ab. Die Beisetzung ist um halb zehn und findet bei feinstem Wetter in sehr stimmungsvoller Atmosphäre statt. Nach der Beisetzung geht es in ein nettes Café in der Nähe, wo es ein Kaffeetrinken mit Frühstück, Suppe und Kuchen gibt.
Im Anschluss sind wir noch eine Stunde bei Nici’s Mutter, die sich an diesem sicher auch für sie nicht leichten Tag sehr wacker geschlagen hat.
Samstag, 23.08.:
Nach einer unruhigen Nacht fährt Nici zum Grab ihres verstorbenen Mannes, der heute Geburtstag hat. Eine gute Stunde später steht das UBER-Taxi vor der Tür und fährt uns wieder zum Flughafen Düsseldorf.
Diesmal fliegen wir mit einer deutlich größeren Maschine von SAS, sind wieder pünktlich in der Luft und am Boden. Anderthalb Stunden später stehen wir in Christianshavn im Supermarkt und kaufen ein paar Dinge für die nächsten Tage ein. Zurück an Bord realisieren wir den Trubel, der am Wochenende im Kanal herrscht. Am Spiegel sehen wir keine neuen Schrammen, aber es sieht mir so aus, als wenn uns nochmal jemand in die Halterung des Hydrogenerators gefahren wäre. GRRR!
Zum Essen kochen wir uns Spaghetti Bolognese und freuen uns, wieder an Bord zu sein. Morgen geht es nach sechs Tagen ohne Segeln endlich wieder auf See. Auf dem Plan steht das 37 Seemeilen entfernte Rödvig, wo wir mit einem Schrick in den Schoten und frischer Brise in fünf bis sechs Stunden ankommen sollten. Wir lassen offen, ob wir die Brückenöffnung um acht oder um neun Uhr nehmen wollen.
Sonntag, 24.08.:
Um halb sieben werden wir wach und überlegen sofort, ob wir nicht die „Siebenuhr-Brücke“ nehmen sollen. Nici ist dafür, also Gas geben. Schnell wird die „NYALA“ auslaufklar gemacht und tatsächlich stehen wir um drei Minuten vor sieben vor der Brücke; der Brückenwärter hat schon mit der Öffnung begonnen.
Erst nach Passieren der Brücke fangen wir mit dem eigentlichen Seeklarmachen an, räumen zehn (!!) Fender, diverse Leinen und Bändsel weg. Dabei läuft der Diesel nur „langsame Fahrt voraus“. Vor dem Hotel „Admiral“ liegen gleich sechs 12m-R-Yachten, da müssen wir noch einen Abstecher hin machen. Mir bekannt sind die „Anita“, die „Vanity“ und die „Nini Anker“, die anderen drei kenne ich nicht. Diese drei liegen auch innen im Päckchen, deshalb fällt die Identifizierung schwer. Keine der drei Schönheiten hat den Namen oder die Segelnummer auf dem Baum stehen.
Wir laufen immer noch unter Motor auf das Kronløb zu, was wir heute ohne Wartezeit sofort passieren dürfen. Direkt nach der Durchfahrt der engsten Stelle setzt Nici das Groß. Wir sind erstaunt, dass die Bauarbeiten an der neu aufzuschüttenden Insel „Lynettenholm“, die wohl in erster Linie dem Hochwasserschutz dienen soll, auch am Sonntag nicht ruhen. Stattdessen sind einige Langarmbagger auf Schwimmpontons im Einsatz, die grobes Gestein im Sund versenken.
Bald rollen wir auch die Genua aus und rauschen bei halbem Wind mit siebeneinhalb bis acht Knoten auf die Drogden-Rinne zu. Laut Wetterprognose von Wetterwelt sollte es nun in Böen gerade mal mit siebzehn Knoten wehen, die haben wir nun aber schon durchgehend. Bevor wir südlich von Dragør anluven müssen, binde ich erst das erste und wenige Minuten später das zweite Reff ins Groß.
Da „NYALA“ auch gerefft nach dem Anluven noch über acht Knoten fährt, entscheide ich mich nicht nach Rödvig, sondern gleich bis Klintholm zu segeln. Auf dem Weg über die Fakse-Bucht flaut es dann mal kurz ab, zweites Reff ausgeschüttet, dann volles Groß. Fünf Meilen später segeln wir wieder im zweiten Reff, weil es inzwischen mit geschätzten sieben Windstärken weht.
In der Abdeckung von Möns Klint berge ich das Groß komplett und reffe auch die Genua ein gutes Stück ein. Mir graut ein wenig davor, südlich vom Leuchtfeuer Möns Klint rund 90° höher ranzumüssen.
In der Seekarte sind riesige Stellnetzreihen eingezeichnet, die zugehörigen Bundgarnpfähle, die ich aus früheren Jahren noch in Erinnerung habe, sind allerdings nirgenrwo zu sehen. Komisch, sind alle beseitigt worden oder nur im Eisgang dicht unter der Wasseroberfläche abgeknickt???
Nur unter Maschine bolzen wir die letzten drei Meilen gegen den inzwischen mit durchgängig sieben Windstärken wehenden West genau gegenan. Es bleibt dabei, keine Pfähle zu sehen. Trotzdem sind wir vorsichtig
und fahren südlich der noch eingezeichneten Stellnetzreihen vorbei und erreichen auch sicher die Hafeneinfahrt.
Wir haben Glück und finden einen sehr guten Liegeplatz im Wind längsseits an der HR382 „Lotta“, die wir schonmal in Schweden gesehen haben.
Die beiden netten älteren Herren an Bord sind heute aus Gislövsläge gekommen und auch erst seit einer halben Stunde fest. Mit einer Achterleine auf dem Pfahl und Vorleine und Achterspring auf dem Steg sowie fünf Fendern an Steuerbord liegen wir sicher und können uns nun das Hafenkino anschauen.
Eine Yacht nach der anderen kommt mit teilweise haarsträubenden Manövern in den Hafen. Seemannschaft? Zumindest teilweise sehr mangelhaft!
Nach dem Bezahlen des Hafengeldes legt sich Nici auf die Koje, sie hat wohl einen leichten Magen-Darm-Infekt und fühlte sich schon den ganzen Tag nicht wirklich fit. Ich habe versucht, sie so weit wie möglich zu schonen. Trotzdem habe ich mal wieder eins über den Deckel bekommen. Es ist nicht immer leicht!
19.08.2025: Von Ahnungslosen gerammt vor dem Marley-Konzert in Kopenhagen
Montag, 17.08.:
Auf dem Sund weht nur ein schwaches Lüftchen aus Nord, nicht genug zum Segeln. Also die Unterwassergenua an… Als der Wind endlich zunimmt, sind es nur noch zwei Meilen bis Kyrkbacken. Dafür lohnt das Ausrollen der Genua nun nicht mehr. Stattdessen bereiten wir uns in Ruhe auf das Anlegemanöver, gerüstet für alle Eventualitäten, vor.
Schon vor der Ansteuerung von Kyrkbacken sehen wir, dass der Hafen zumindest nicht gerammelt voll ist. Außerdem laufen immer wieder auch Yachten aus, die allerdings überwiegend viel kleiner sind als wir. In der recht engen Hafeneinfahrt kommen uns gleich drei auslaufende Boote entgegen, eines davon ein Motorboot, was mit geringer Fahrt aber reichlich Abdrift auf uns zutreibt.
Weiter nach Steuerbord ausweichen kann ich nicht, dann würde ich auf die Mole fahren. Mit zwei Metern Abstand passiert uns die Motorkutsche in Luv. Unverständlich, warum die Steuerfrau nicht entweder mehr vorgehalten und/oder etwas mehr Gas gegeben hat.
Wir finden eine wunderbare Box auf der Nordseite des Hafens, lang und breit genug und fast genau im Wind gelegen. Um 11:10 liegen wir fest auf dieser schönen kleinen Insel. Unter der Steuerbordsaling weht natürlich wieder die schwedische Gastflagge. Im Hafen liegt eine deutsche Hallberg Rassy, die sich wohl vernavigiert hat. Die glauben – zumindest der Gastflagge nach zu urteilen – noch in Dänemark zu sein.
Der noch relativ leere Hafen füllt sich in den nächsten Stunden sukzessive. Mit Ausnahme von uns und der HR36 „Lyngsletten“ vom GFK Classics-Vorsitzenden Martin Horstbrink sieht man von allen deutschen Landsleuten (insgesamt sechs) nur haarsträubende Anlegemanöver. Man hat das Gefühl, dass hier völlig unerfahrene Leute mit vergleichsweise großen Booten unterwegs sind, die das Handwerk aber nicht von der Pike auf erlernt haben. Furchtbar!
Bei schönstem Sommerwetter vertrödeln wir den Tag in Kyrkbacken, essen abends an Bord gebratenen Dorsch mit Bratkartoffeln und Salat und lassen es uns einfach gut gehen. Leider steht noch die Zusage von der Wilders Plads Marina in Kopenhagen für die nächsten Tage aus. Das soll sich morgen Vormittag entscheiden. Es geht – wie fast immer – früh auf die Kojen.
Montag, 18.08.:
Der stete Tropfen höhlt den Stein! Nach dem Auslaufen aus Kyrkbacken – leider wieder ohne Wind – schreibe ich die dritte SMS an die Christianshavn Marina und formuliere erneut mein Anliegen. Diesmal ist der wahre „Havnefogded“ Thomas der Diensthabende und bietet uns einen Liegeplatz von heute ab 12 Uhr bis zum 23. August um 12 Uhr an.
Da unser Rückflug nach Kopenhagen schon planmäßig erst um 11:15 Uhr landen soll, wird es mit dem Auslaufen um 12 Uhr auf jeden Fall sehr eng. Ich schreibe Thomas, dass wir wegen einer Beerdigung nach Hause fliegen müssen und alles daran setzten werden, um 12 Uhr am 23. August tatsächlich auszulaufen. Trotzdem verspreche ich dies ausdrücklich NICHT. Den Rest wollen wir am Nachmittag persönlich miteinander besprechen.
Zufrieden brummt uns der YANMAR Richtung Kopenhagen und dann durch das Kronløbet, was jahrzehntelang ausschließlich der Großschiffahrt, respektive den Kreuzfahrtschiffen, vorbehalten war. Sportboote hatten deshalb, ohne Wenn und Aber ausschließlich das Lynetten-Løb südlich der Trekroner-Festung zu nutzen.
Während des Ein- und Auslaufen von Kreuzfahrtschiffen wird die Engstelle im Kronløbet für die Sportschiffahrt gesperrt, was mit drei roten übereinander blinkenden Lichtern auf einem Pfahl an den Enden der Fahrrinne signalisiert wird. Kurz vor unserem Einlaufen überholt uns ein Kreuzfahrer, der dann für eine kurze Wartezeit von uns verantwortlich ist, was aber nicht weiter tragisch ist. Nach ein paar Minuten dürfen wir weiterfahren.
Es geht vorbei am Langelinie-Yachthafen, der Kleinen Meerjungfrau und dem Mærsk-Verwaltungsgebäude an Steuerbord, während an Backbord erst die königliche Yacht „Danebrog“ und dann die neue Oper vorbeigleitet. Danach biegen wir nach links ab Richtung Christianshavn. Tatsächlich ist die uns zugewiesene Box Nummer 86 frei, allerdings auch reichlich kurz für unsere Bootslänge. Das Heck steht zirka zwei Meter über die Pfähle hinaus in den Kanal.
Die Brücke wird mindestens stündlich, jeweils zur vollen Stunde geöffnet, außerhalb der Rush hour auch bei Bedarf zur halben Stunde. Im Christiansholm-Kanal ist die Hölle los. Ein Ausflugsboot nach dem anderen passiert unser Heck mit flotter Fahrt. Bei den „Kutschern“ dieser Boot mache ich mir allerdings keine Sorgen um das Boot, die wissen, was zu tun ist.
Im Gegensatz dazu wissen das die Mieter etwa 6m langer, mit Elektroaußenborder betriebener Leihboote nicht so genau. Manche dieser „Leihmöhren“ kommt uns gehörig nahe; damit meine ich 20 Zentimeter und weniger.
Mein Gefühl sagt mir, dass ich mir überlegen sollte, wie ich unser Heck vor „feindlichen Angriffen“ schützen kann. Mit insgesamt vier Fendern - drei an Steuerbord, weil die meisten potentiellen Gegner von da kommen und einem an Backbord – und allen im Cockpit hängenden Bändseln bastele ich einen hoffentlich wirksamen Rammschutz für die besonders empfindliche Spiegelecke, wo das Gelcoat schon bei geringen Rammings abplatzen würde.
Dann gehen wir ein Stückchen weit Richtung Stadt, weil ich Nici zeigen möchte, wo es den nächsten Supermarkt, den besten Bäcker und die nächste U-Bahn Station gibt. Dort wollen wir uns auch gleich über die Fahrtmöglichkeiten zum Flughafen schlau machen. Als wir aus dem U-Bahn-Schacht wieder an das Tageslicht kommen, sehe ich eine Pölserbude. Da muss ich SOFORT hin, endlich die ersten beiden Risted Hot Dogs des Jahres essen.
Als ich mir die beiden Appetithäppchen genüsslich hinter die Knabberleiste schiebe, sehe ich ein Poster für ein Julian Marley Konzert, was morgen unter dem Titel „A Bob Marley Celebration“ stattfinden soll. Der Veranstaltungsort „Den Grå Hal“ liegt quasi um die Ecke im weltweit bekannten Freistaat Christiania. Das Beste ist, dass ich noch zwei Tickets für das Konzert online ergattern kann.
Als ich Nici davon erzähle, ist sie zunächst etwas skeptisch. Konzert im Kifferviertel? Kurzerhand zeige ich ihr das wirklich nur einen Steinwurf weite Christiania. Hier haben 1971 eine Reihe Hippies ein leer stehendes Kasernengelände besetzt und zum Freistaat ausgerufen. Harte Drogen und Schusswaffen verboten, ansonsten total liberal, ja fast anarchistisch.
Es ist eine wirklich coole Atmosphäre auf dem weitläufigen Gelände, was wirklich etwas von einem eigenen Staat hat. Die legendäre Pusher Street, eine Art Markplatz, wo man bis Anfang 2023 vom Saatgut, über sämtliches benötigte Zubehör, Haschisch und Marihuana in allen Qualitäten und Mengen bis zu fertig gebauten Joints alles kaufen konnte, was das Kifferherz begehrte, gibt es nicht mehr.
Da wo früher die Dealer mit Ihrem Bauchladen oder kleinen Buden standen, gibt es nun Schmuck und Kunstgewerbe-Stände. Lediglich der „Zion Train“ verkauft – angeblich offiziell lizensiert – noch das klassische Sortiment der ehemaligen Pusher Street. Grund für die Auflösung waren nicht etwa staatliche Restriktionen, sondern eine zunehmende Kriminalität rivalisierender Rockerbanden. Hells Angels und Bandidos wollten wohl den Markt kontrollieren, was den Christianitern nicht passte. Per „Volksentscheid“ wurde die Pusher Street dann dicht gemacht.
Überhaupt hat sich einiges verändert. Das Viertel wirkt sauberer als noch vor einigen Jahren und auch das Besucherklientel hat sich komplett verändert. Kreuzfahrtgäste hätte man hier früher nicht getroffen, auch offizielle Führungen in verschiedenen Sprachen gab es damals nicht. Stattdessen saßen vor dem Café Woodstock – was es immer noch gibt – Typen im Nadelstreifenanzug neben augenscheinlich Obdachlosen und rauchten gemeinsam einen Joint nach dem anderen.
Zumindest am heutigen Nachmittag sehe ich bei unserem Besuch höchstens eine Handvoll kiffender Menschen, sehr angenehm. Das unvergleichlich coole Flair ist aber geblieben, das bestätigt selbst meine sonst eher sehr bodenständige Liebste.
Zurück an Bord lese ich mich ein wenig über Julian Marley schlau, der als einer der jüngsten Kinder von Bob Marley während dessen Exil in England gezeugt wurde und nicht Bob Marleys Frau Rita zur Mutter hat. Schon mit fünf Jahren hat Julian laut Wikipedia seine erste Single aufgenommen und für sein Album „Color of Royal“ sogar einen Grammy erhalten. Zur weiteren Einstimmung auf das Konzert lade ich mir das Album herunter und frage mich, ob das morgen wirklich eine Bob Marley Celebration werden wird.
Das noch ausstehende Gespräch mit dem Hafenmeister Thomas verläuft mehr als positiv. Wir dürfen nicht nur ein oder zwei Stunden, sondern einen ganzen Tag länger bleiben. Die Hafengebühr ist mit 2.500 Dänenkronen für sechs Tage, umgerechnet knapp 340 Euro allerdings auch ganz ordentlich.
Zum Abendessen lädt mich Nici in ein nettes kleines Restaurant am Wilders Kanal, einem Stichkanal um die Ecke ein. Hier gibt es leckere Snacks in der schon etwas gehobenen Preisklasse. Sehr lecker, aber auch ordentlich teuer. Beim Warten aus Essen besprechen wir das Programm für morgen.
Dienstag, 19.08.:
Wie immer sind wir früh auf und nehmen die Dusche insbesondere wegen den nicht so tollen „Facilities“ im Hafen lieber an Bord. Dann kommen die Fahrräder aus der Backskiste. Das E-Faltrad muss ein wenig aufgeladen werden, also ist erst der unmotorisierte Bronco dran, mit dem Nici dann zum Bäcker fährt, während ich das andere Rad aufbaue.
Nach dem leckeren Frühstück machen wir uns auf die Socken bzw. treten in die Pedale. Wir erkunden kurz den Nyhavn und das königliche Schloss, dann geht es vorbei am Gefion-Brunnen und der kleinen Meerjungfrau, einem der Hauptwahrzeichen der Stadt, zum Langelinie-Yachthafen, wo wir beide schon mehrfach waren.
Dann steht der Besuch des neuen Freiheitsmuseum an, das die Geschichte des dänischen Widerstandes gegen das Naziregime in Dänemark nach der deutschen Besetzung im Jahr 1940 erzählt. Das „alte Freiheitsmuseum“ fiel 2013 einer Brandstiftung – mutmaßlich von Neonazis – zum Opfer, die Täter konnten jedoch trotz sehr intensiven Ermittlungen nicht gefasst werden.
Schon das alte Museum hat mich bei früheren Besuchen nachhaltig beeindruckt und nach jedem Besuch ein komisches Schuldgefühl in mir hinterlassen, obwohl weder ich selbst noch meine Eltern mütterlicher- oder väterlicherseits irgendetwas mit den Nazis zu schaffen hatten, im Gegenteil. Mein Opa väterlicherseits war selbst im Widerstand, obwohl seine Brüder alle NSDAP-Mitglieder und begeisterte Nationalsozialisten waren.
Das neue Museum toppt das alte um Längen. In verschiedenen Episoden kann man per Audio- und Videoguide das Leben von vier jungen Widerstandskämpfern (davon zwei Kommunisten) und einem dänischen Nazi verfolgen. Von den vier Widerstandskämpfern haben nur drei das NS-Regime überlebt, der Nazi wurde wegen mehrfachem Mordes später durch Erschießen hingerichtet.
Als ich aus dem Museum rauskomme, habe ich – erneut - eine Gänsehaut. Ziemlich nachdenklich setzten wir uns wieder auf die Fahrräder und radeln gemächlich parallel zur Waterfront in zweiter Reihe Richtung Kongens Nytorv, wo die tolle Fußgängerzone Strøget ihr östliches Ende hat.
Diese Fußgängerzone war bei ihrer Eröffnung im Jahr 1962 mit einer Länge von mehr als einem Kilometer die längste Europas und beeindruckt auch heute noch mit ihrer Vielzahl an zum Teil sehr exklusiven Läden. Jede Marke von Weltruf, egal ob für Bekleidung, Handtaschen, Lederwaren, Haushaltswaren, Unterhaltungselektronik oder Luxusuhren hat eine Dependance auf dieser Shopping-Meile.
Nach etwa zwei Dritteln biegen wir rechts zu den Markthallen ab, wo wir uns einen Mittagssnack gönnen. „Fish & Chips geht immer“, meint Nici und trifft damit die Auswahl, die auch mir zusagt. Um uns nicht zu sehr zu verausgaben – heute Abend geht es ja zum Konzert – radeln wir zum Schluss vorbei an Rathaus und Tivoli über die Knippelsbro zurück zum Schiff.
Kaum wieder an Bord, rumst es achtern. Wie schon befürchtet ist uns eine „Leihmöhre“ mit einer asiatisch aussehenden Familie in den Spiegel gefahren. Nach erster Inspektion gebe ich fälschlicherweise Entwarnung, Gelcoatschäden hat es nicht gegeben.
Ein Nachbar, der das Drama genau beobachtet hat berichtet mir – leider erst nachdem ich den Verursacher „freigelassen habe“ - , dass mir der Blödmann in die Halterung vom Hydrogenerator gefahren ist, der nun wackelt und tatsächlich deutliche Spuren von fremden, dunklen Gelocoat aufweist. Die Grundplatte am Spiegel ist so verbogen, dass ich den Generator ohne Gewalt nicht mehr abnehmen kann. Trotzdem scheint der Spiegel unbeschädigt. Hoffentlich bleiben uns weitere Rammings – speziell während unserer dreitägigen Abwesenheit – nun erspart.
Am späten Nachmittag gönnen wir uns ein kurzes Schläfchen, um für den Abend fit zu sein oder zu werden.
16.08.2025: Überrascht von der schönen Altstadt in Helsingör
Freitag, 15.08.:
Um viertel vor sechs weckt mich ein sehr lautes Bugstrahlruder aus dem Tiefschlaf. Es ist ärgerlich, wenn „Sportskameraden“, bloß weil sie jetzt selbst ablegen, mit Ihrem Bugstrahlruder gleich den ganzen Hafen wecken müssen. Bei dem vorherrschenden Leichtwind wäre es, zumindest um die Zeit, vielleicht auch ohne diese „Krawallbüchse“ gegangen.
Egal, jetzt bin ich wach, stelle mich in Unterhose und T-Shirt ins Cockpit und peile erstmal die Lage. Wie schon gestern sind schon einige unterwegs. Beim Ablegen trennt sich die Spreu vom Weizen. Die guten fahren im Standgas aus der Box und setzen noch im Hafen zumindest ein Segel, die weniger guten nutzen das Bugstrahlruder und Vollgas zum Manövrieren.
Nachdem ich gesehen habe, dass der Wind schon auf Südwest gedreht hat und mit geschätzten acht bis zehn Knoten weht, denke ich laut über das Auslaufen nach, was mir Nici zum Glück in keiner Weise übelnimmt. Sie ist sehr flexibel und hat überhaupt kein Problem mit Planänderungen. Das habe ich auch schon anders erlebt. Miese Laune am Morgen machte Kummer und Sorgen und der frühe Vogel kann mich/konnte sie mal….
Statt gestern noch angesagtem Starkwind soll es heute einen angenehmen Halbwind- und Raumschotskurs in den Öresund geben. Zur Wahl des Tageszieles stehen Gilleleje und das 14 Seemeilen weiter entfernte Helsingør. Beide Häfen haben ihren Reiz, Gilleleje ist schöner und gemütlicher, Helsingør hat kulturell mehr zu bieten. Insbesondere das neue Schiffahrtsmuseum interessiert mich sehr.
In aller Ruhe machen wir uns zum Auslaufen klar, wozu auch die Rückgabe und die Rückerstattung des noch auf der Servicecard befindlichen Guthabens und des Pfandes für die Karte gehört. Wie schon vor zwei Jahren streikt der Automat bei der Rückerstattung, in unserem Fall rund 130 Dänenkronen. Ob das wohl ein erwünschter Softwarefehler ist, der immer wieder morgens früh auftritt???
Als ich zurück an Bord komme, hat Nici schon die Fender weggeräumt und die Leinen zum Loswerfen vorbereitet. Zuerst schmeißen wir die Leinen von der Boje an Backbord los, dann die Vorleinen und holen uns dann an unseren Heckanker ran, der hervorragend gehalten hat, sich trotzdem gut aus dem Sandgrund brechen lässt und – zu unserer Verwunderung – blitzsauber hochkommt.
Noch im Vorhafen setzt Nici das Großsegel. Die Maschine muss uns allerdings noch eine Dreiviertelmeile nach Westsüdwesten schieben, bis wir abfallen und auch die Genua ausrollen können. Es läuft gar nicht mal schlecht, jedenfalls die ersten zwei Stunden. Ich bin erstaunt, dass eine nur 33 Fuß lange Hanse älteren Baujahrs, die mit Groß und Selbstwendefock unterwegs ist, nur ganz langsam näher kommt.
Das kann nicht angehen, jetzt kommt unser Code 0 raus. Sofort sind wir schneller und laufen nun etwa 6,5 Knoten bei geschätzten acht bis zehn Knoten Wind. Als ich dem Hanseeigner beim Vorbeifahren zurufe „Respekt, ihr habt Euch tapfer gegen das Überholen gewehrt..“ ruft er zurück: „Dann pass mal gleich gut auf“ und macht sich mit einem großen Segelsack auf dem Vorschiff zu schaffen.
Ein paar Minuten später geht auf der Hanse der Gennaker hoch. Damit ist die Hanse zwar gleich schnell, muss aber tiefer fahren und fällt endlich langsam nach Lee durch. Eine Stunde später raumt der Wind stärker, nun muss auch bei uns der Gennaker ran.
In Luv baut sich zunehmend in einiger Entfernung eine unschön aussehende Bewölkung auf und es wird diesig. Braut sich da vielleicht eine Gewitterfront auf?
Wir bleiben jedoch verschont. Querab von Gilleleje flaut es dann wieder mächtig ab, wir kriechen nur noch vorwärts. Deswegen entschließen wir uns die letzten sechzehn Meilen bis Helsingør zu motoren.
Um viertel vor sechs fahren wir in den Nordhafen von Helsingör, wo man laut Hafenhandbuch – außer zur Seeland Rund-Regatta – immer einen Liegeplatz finden soll. Dem ist leider nicht so, die meisten Boxen sind sehr schmal und die wenigen ausreichend breiten stehen auf „rot“, sind also besetzt. An den wenigen Stellen, wo man vor Kopf oder längsseits liegen kann, haben sich bereits Päckchen gebildet.
Auch nach längerem Suchen finden wir keinen brauchbaren Liegeplatz. Ein Anruf beim Hafenmeister des eigentlich nur für Yachten über 50 Fuß zugelassenen Südhafens bringt die Lösung des Problems. „You may also come to the South Harbour, but you will have to pay for a 15 m long boat“, sagt der Hafenmeister. Na, dann war Anholt wohl doch noch nicht der teuerste Hafen der bisherigen Reise.
Samstag, 16.08.:
Nach dem „Ausschlafen“ gehen wir gemeinsam in die Stadt. Ich muss zugeben, dass ich – obwohl ich schon viele Male in Helsingør war – keine Ahnung hatte, wie viel schöne und alte Bausubstanz es hier gibt. Die Altstadt begeistert uns, auffällig ist allerdings eine große Anzahl von leerstehenden Ladenlokalen und, vielleicht vergleichbar mit Deutschland, die Vielzahl von Friseuren, Nagelstudios und Thai-Massagesalons.
In einem Restaurant an der Hauptstraße gibt es für 199 Dänenkronen einen vorzüglichen Brunch, der es mit jedem Top-Hotel dieser Welt aufnehmen könnte. Da ich heute das Frühstück ausfallen lassen habe, muss ich dieses Angebot – die Getränke sind auch inkludiert – annehmen und schlemme mit Begeisterung vor mich hin. Nici trinkt nur einen Kaffee, sie hatte zum Frühstück eine ordentliche Portion Joghurt mit Müsli und Früchten.
Unsere Stegnachbarn, ein deutsches Paar mit einer zirka fünfzehn Meter langen Ketsch, raten uns dringend zum Besuch des Seefahrtsmuseums, das mit großem architektonischen Aufwand in ein ehemaliges Trockendock integriert wurde. Die Kombination aus toller Architektur und sehr interessanten Exponaten ist wirklich sehenswert. In mehreren „Kapiteln“ wird die Geschichte der dänischen Geschichte vom 17. Jahrhundert bis zum Jahr 2024 erzählt.
In der „Neuzeit“ nimmt die Containerschiffahrt und die Kopenhagener Reederei Mærsk-Möller einen erheblichen Teil der Ausstellung ein. Kaum vorstellbar, dass es nach der „Erfindung“ der genormten 20- und 40-Fuß Container wirtschaftlich war Schiffe mit einer Kapazität von nur 60 bis 80 Vierzigfußcontainern zu bauen und zu betreiben. Die größten Containerriesen können mittlerweile mehr als 10.000 (!!!) dieser Vielzweck-Transportmittel tragen, Mærsk liegt mit seinen 13 Schiffen der „Madrid-Mærsk-Klasse) auf Platz zwei der größten Containerfrachter.
Zuletzt in Göteborg haben wir gesehen, mit welch atemberaubender Geschwindigkeit Container heutzutage geladen und gelöscht werden. Wie gut hatten es noch in den Sechzigerjahren dagegen die Mannschaften von klassischen Stückgutfrachtern, die manchmal eine ganze Woche in den großen Häfen dieser Welt lagen?
Nach dem Besuch des Schiffahrtsmuseums stehen für mich/uns noch der gut sortierte Schiffsausrüster am Nordhafen und die Street Food-Meile auf dem Programm. Beim Schiffsausrüster erstehe ich nicht nur zwei Paar reduzierte Pelle P-Shorts, sondern auch ein paar Schäkel und zwei kleine Töpfchen rote und blaue Lackfarbe für die farbliche Markierung meiner Tankdeckel.
In der ehemaligen Schiffswerft, die jetzt Kultur-Werft heißt gibt es in zwei Werfthallen eine Streetfood-Meile mit über zwanzig verschiedenen „Geschmacksrichtungen“. Da ich noch satt von meinem Brunch bin, schaue ich Nici beim Fish & Chips-Essen zu. Sie möchte im Anschluss noch die Kronborg, das wunderschöne Schloss direkt am Sund anschauen.
Die Kronborg habe ich schon mehrfach besichtigt, deswegen verzichte ich darauf und verwende die Zeit lieber für seemännische Arbeiten an Bord.
Am frühen Abend bitte ich Nici nach ihren Wünschen einen Plan für die nächsten Tage zu schmieden. Morgen wollen wir versuchen in Kyrkbacken auf Ven einen Liegeplatz zu finden, sollte das nicht klappen, werden wir Rungsted nördlich von Kopenhagen versuchen.
Danach wollen wir nach Möglichkeit für mindestens zwei Tage nach Kopenhagen Christianshavn. Ich habe soeben eine SMS an den Hafenmeister geschrieben, der mir morgen mitteilen wird, ob das klappt oder nicht. Wenn möglich würde ich die NYALA auch bis zum 24. August, also bis zu unserer Rückkehr vom Heimflug zur Beisetzung von Nici’s Vater dort liegen lassen. Ich bin gespannt…
14.08.2025: Auf Anholt, der Trauminsel der Frauen...
Dienstag, 12.08.:
Schon um sechs Uhr früh studiere ich die neuesten Wetterprognosen, um die richtige Strategie für die nächsten Tage entwickeln zu können. So wie es aussieht, wird der Wind morgen auf Südost drehen, über den Tag abflauen, Donnerstag noch schwächer wehen und dann abends rechts auf Südwest drehen. Deshalb sollten wir heute möglichst weit nach Süden kommen und uns dann wohl am besten morgen auf den direkten Weg nach Anholt machen. Zur Auswahl stehen Vrangö, Lerkil und – wenn es ganz gut laufen sollte – vielleicht noch Varberg.
Um zehn laufen wir aus und fahren wieder durch den Albrektsundkanal. Auf dem Weg dorthin müssen wir durch die gewaltige Anzahl an ILCA-Jollen, die größtenteils von ihren Trainerbooten westwärts gen See geschleppt werden. Zwischendurch sind aber auch immer wieder tapfer segelnde Sportler dabei, denen wir als Maschinenfahrzeug ausweichen müssen. Es wird ein wilder Slalom und manch Trainer scheint vielleicht Ahnung vom Segeln, jedoch nicht von den Ausweichregeln unter Maschine zu haben. Letztlich geht aber alles glatt und wir laufen in den engen Schlund des Albrektsundkanals ein.
An der Ausfahrt setzen wir zunächst das Großsegel. Eine Meile weiter können wir dann abfallen und auch die Genua ausrollen. Es ist schön, endlich wieder segeln zu können. Westlich von Göteborg laufen wir vorbei an der Lotseninsel Vinga, queren das Hauptfahrwasser nach Göteborg und laufen dann Richtung Vrangö. Nachdem ich nochmals die Wettervorhersagen studiert habe beschließen wir um zehn Meilen bis Lerkil zu verlängern, wo wir um 15:45 nach knapp 33 sm längsseits an der Gästepier auf der Innenseite der Nordmole festmachen.
Eine halbe Stunde nach uns läuft die niederländische Breehorn 37 „Bree-rust“ ein und macht vor uns fest. Schnell sind wir mit Willeke und Jan im Gespräch. Die beiden haben ihr Boot vor 35 Jahren beim alten Herrn van den Berg, dem Vater von Lars, als Kasko gekauft und haben das Boot selbst in dreijähriger Arbeit ausgebaut. Sogar das Teakdeck ist tadellos selbst verlegt worden und stammt noch aus der Bauphase des Bootes. Für mich ist die Breehorn 37 der schönste Entwurf der bisher gebauten Breehorn-Boote. Die 37er wäre mir aber für die geplante Weltumsegelung etwas zu klein, deshalb wurde die „NYALA“ eine Breehorn 44.
Nach dem Klönschnack fährt Nici mit dem Fahrrad in den sieben Kilometer entfernten Ort, um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen. Als sie nach einer Stunde zurückkommt, gehen wir bei einem kleinen Italiener lecker zum Dinner. Krabbentoast vorweg, zum Hauptgang Ceasar’s Salad bzw. Pizza und zum Dessert zwei Kugeln Eis.
So vollgestopft können wir nun noch etwas Alkohol trinken, was wir mit Willeke (70) und Jan (73) bis in die späten Abendstunden bei uns im Cockpit tun. Es wird ein sehr schöner. informativer und lustiger Abend. Die Nacht wird allerdings kurz, wie wir morgen um sechs Uhr auslaufen wollen.
Mittwoch, 13.08.:
Noch leicht angeschickert von gestern quäle ich mich um viertel nach fünf aus der Koje, spüle schnell die Gläser von gestern Abend ab und werfe einen schnellen Blick ins Wetter. Auch Nici ist schon auf. Inzwischen routiniert bereiten wir uns auf das Auslaufen vor und werfen tatsächlich pünktlich um sechs Uhr die Leinen los.
Nach anderthalb Stunden unter Motor baut sich eine leichte Brise auf, die wir zum Segeln zu nutzen versuchen. Nach nur 30 Minuten flaut es leider wieder ab. Also wieder Motoren, bis es dann um neun Uhr etwas mehr Wind gibt. Mit maximal dichten Schoten laufen wir nun Generalkurs 195° auf die Untiefentonne am Nordwestrev von Anholt zu.
Mal etwas höher, mal etwas tiefer steuernd machen wir zwischen sechs und sieben Knoten Fahrt in die richtige Richtung und können sogar etwas Reservehöhe rausschinden. Bei nur 30 Zentimeter Welle macht sogar das Hoch am Wind-Fahren einen höllischen Spaß. Dazu strahlend blauer Himmel, einfach traumhaft. Ich hoffe, dass der günstige Wind bis Anholt durchhält.
Der Wind hält nicht nur seine Stärke, sondern dreht für uns auch noch immer günstiger.
Gegen Mittag sah es noch so aus, als wenn wir mit Mühe die West-Kardinaltonne auf der Nordwestecke von Anholts Nordriff anliegen könnten, könnten wir nun auf Steuerbordbug locker die unbetonnte tiefe Stelle in der Mitte des Riffs anliegen. Ich überlege, ob ich das wagen soll oder nicht und nehme erstmal die Höhe mit.
Nach dem ich alle verfügbaren Informationen aus den digitalen wie auch brandaktuellen Papierkarten von NV gründlich studiert habe, entscheide ich mich für die sichere, aber auch zirka vier Seemeilen längere Route „außenrum“ um das Nordriff. Ich glaube zwar, dass wir auch über die Passage im Riff kommen würden, es besteht aber kein Grund, ein vermeidbares Risiko einzugehen.
Nach der Tonnenrundung luven wir kräftig an und laufen mit maximaler Höhe fast auf die Hafeneinfahrt zu. Etwa anderthalb Meilen vor dem Hafen bergen wir erst das Groß und machen die Baumpersenning drauf, anschließend rollen wir ganz kurz vor der Einfahrt auch die Genua weg.
Schon von weitem sah der Mastenwald im Hafen so aus, als wenn Anholt immer noch stark frequentiert wäre und richtig, es gibt nur noch sehr wenige brauchbare Liegeplätze. Wir haben die Wahl zwischen einem Platz im Vorhafen, wo wir zwar längsseits festmachen könnten, aber wo es bei westlichen Winden schnell ungemütlich wird oder vor Kopf mit Heckanker. Wir entschließen uns für den „Vor Kopf-Platz“ und machen auf unserer Backbordseite an der letzten freien Heckboje fest. Einen ordentlichen Zugwinkel bekommen wir so nicht hin und bei Westwinden würde der Rumpf auf die Boje gedrückt. Dann bitte ich einen mit seinem Dinghy vorbeifahrenden Jungen darum, unseren Heckanker nach meiner Anweisung auszufahren, was dieser sehr gern übernimmt.
Nach knapp 56 Seemeilen, davon 45 unter Segeln, haben wir uns nun ein anständiges Essen verdient. Der Skipper kocht auf Wunsch seines einzigen Crewmitgliedes eine ordentliche Portion Spaghetti Carbonara nach italienischem Originalrezept. Das Mahl nehmen wir zum ersten Mal am Cockpittisch ein und genießen dabei die herrliche Sonne und das Treiben im Hafen.
Während Nici den Abwasch macht, lege ich mir für morgen früh schon mal das Kiteequipment zurecht. Danach machen wir einen kleinen Verdauungsspaziergang am Hafen entlang und trinken in der Orakel-Bar an der Nordwestecke der Insel noch ein Glas Wein und beobachten dabei den wunderschönen Sonnenuntergang.
Auf dem Rückweg zum Boot treffen wir Dirk Seifert, der gerade aus der Dusche kommt. Dirk ist einer der Rigger bei Henningsen & Steckmest in Kappeln und übernimmt regelmäßig auch den Hafendienst. Wir laden Dirk noch zu einem Absacker an Bord ein. Gern nimmt er an und wir haben noch einen kleinen Klönschnack im Cockpit. Dann geht es auf die Koje, wo wir schnell in einen tiefen Schlaf fallen.
Donnerstag, 14.08.:
Um sechs Uhr werde ich wach und habe Lust auf die erste Zigarette des Tages. Im Hafen ist schon mächtig was los. Ein Boot nach dem anderen legt ab. Es ist nicht, wie vor zwei Jahren, die Flucht vor dem aufkommenden Sturm, sondern der ganz normale „Wahnsinn“ auf dem Sandhaufen mitten im Kattegat.
Auch Familie Seifert, die eigentlich schon um halb fünf auslaufen wollte, fährt winkend an uns vorbei. Als Nici wach wird würde ich am liebsten sofort zum Kiten an den Strand gehen. Im Hafen weht eine nette Brise. Ich denke, dass es mit dem 15er Kite und dem kleineren Board gut gehen sollte. Doch bevor wir losgehen soll Nici ihren ersten Kaffee trinken dürfen. Eine Thermoskanne Kaffee nimmt sie mit an den Strand.
Sehr interessiert beobachtet sie, wie der Kite vorbereitet wird und pumpt mir das Ding sogar auf. Ihr Service ist fast so gut wie der der Beachboys in Ägypten. Fast nur deshalb, weil sie natürlich noch nicht weiß, worauf es beim Auslegen der Bar ankommt.
Als alles fertig ist gibt sie mir Starthilfe, was zunächst nicht klappt. Dafür kann sie aber gar nichts, der Wind ist einfach total unstet und dreht immer wieder stark. Als der Kite richtig fliegt merke ich, dass der Wind etwas weiter oben sogar schon ablandig weht und in den Dünen wohl mächtig abgelenkt wurde. Ablandiger Wind ist immer riskant, erst recht, wenn man „unterpowert“ ist.
Genau das ist der Fall. Ich hätte besser den 17er Kite und/oder das größere Board mit an den Strand nehmen sollen.
Trotzdem komme ich irgendwie ans Fahren und laufe zunächst auch gute Höhe Richtung See. Nach der ersten Wende verliere ich wieder Höhe, weil der Wind schon wieder nachlässt. Aber gerade war weiter vom Strand weg ja auch mehr Wind, denke ich jedenfalls. Also wieder Wenden und wieder raus Richtung Südwesten.
Inzwischen hat es aber leider soweit abgeflaut, dass mir der Kite runterfällt und ich ihn nicht mehr gestartet bekomme. Der Kite zieht trotzdem nach Lee, Richtung Grenå, wo ich natürlich nicht hin möchte. Also Kite auslösen, an den auf dem Wasser liegenden Kite rankämpfen, in den Kite auf die Frontube legen und paddeln was das Zeug hält, um bei dem etwa in Driftrichtung liegenden Ankerlieger aus den Niederlanden „festzumachen“.
Trotz wildem Paddeln treibe ich soeben an dem Boot vorbei, kann den Eigner aber mit sehr lauten „Goeden Morgen“-Rufen ins Cockpit locken. Sofort macht er sein Dinghy klar, fährt mich von Luv an und wirft mir eine Leine zu. Mit mir, dem Kite und dem Board im Schlepptau zieht mich der nette Holländer Richtung Strand ins gerade stehtiefe Wasser zurück. Ich bin erleichtert, als ich wieder trockenen Sand unter den Füßen habe. Das hätte auch schiefgehen können. Gut, schlimmstenfalls hätte mich vielleicht auch ein auslaufender Segler abbergen können.
Der Kite ist klatschnass, an der Trailing Edge sind ein paar dünne GFK-Stäbchen – wohl wegen dem Schleppwiderstand – gebrochen und die vier Kiteleinen sind richtig verheddert. Mit Nicis Hilfe haben wir das aber schnell wieder „in der Reihe“. Ob ich es später nochmal versuchen möchte, will Nici wissen. Nee, erst wieder bei auflandigem Wind…
Nach dem Kite-Desaster gehen wir zum Købmand am Hafen und kaufen uns Brötchen, Kuchen und eine Cola. Das erste Frühstück gibt es mit Zimt- und Apfelschnecken am Tisch vor dem Mini-Supermarkt, der übrigens hervorragend sortiert ist. Wir mussten zwar eine Weile auf die frischen Brötchen warten, dafür konnten wir aber beim „richtigen“ Frühstück im Cockpit feststellen, dass sich das Warten auf die leckeren Brötchen wirklich gelohnt hat.
Frisch gestärkt können wir uns neuen Abenteuern widmen und mannen im Anschluss an das Frühstück die beiden Fahrräder aus der begehbaren Backskiste. Nach dem Aufbau machen wir uns auf den Weg zum Dorf, wo ich Nici gern die Kirche von innen gezeigt hätte. Leider ist sie abgeschlossen. Vor dem Dagli Brugsen, dem Supermarkt im Dorf der 127 Bewohner zählenden Insel, treffen wir zwei deutsche Familien aus Flensburg mit kleinen Kindern, die genau wie wir auch zum Flugplatz der Insel fahren wollen.
Auf dem winzig kleinen Flugplatz mit 650 Meter langer Graspiste stehen vier einmotorige Sportflugzeuge aus Deutschland, Schweden und Norwegen, ein fünftes (ebenfalls aus Schweden) landet während unseres Aufenthaltes. Dieser Flugplatz ist der kleinste mit ICAO-Kennung, den ich kenne. Kein Tower, keine Zapfsäule für Flugbenzin, kein Hangar. Nur die Graspiste, eine Parkfläche für die Flugzeuge und eine winzig kleine – unbemannte – Hütte mit einem Briefkasten daran für die Landekarten. Tatsächlich soll es im Sommer aber tägliche Flüge nach Roskilde auf Seeland, nach Læsø und nach Varberg geben.
Weiter geht es mit unserer kleinen Inselrundfahrt zum Anholt-Kro, wo wir uns zum Lunch ein gebratenes Schollenfilet mit Krabben auf Schwarzbrot und eine Portion Pommes mit Remoulade – zum Teilen – gönnen. Um fünfzehn Uhr sind wir zurück am Hafen und bauen unsere Fahrräder ab. Als wir die Dinger in der Backskiste haben, fängt es leicht an zu nieseln, Zeit für die Mittagsstunde…
Zugegebenermaßen bin ich ziemlich platt, insbesondere von meiner Schwimmerei am Vormittag. Auch Nici ist ein wenig träge, aber sehr zufrieden. Es war ein wunderschöner Tag.
Hier noch ein paar Bilder von Anholt:
11.08.2025: Mission accomplished: Etappe 4 erfolgreich abgeschlossen, Motor läuft einwandfrei, wir sind in Marstrand
Samstag, 09.08.:
Nach einem gemütlichen Frühstück an Bord machen sich meine Damen auf den Weg nach Göteborg. Vom Hafen zum Bahnhof trampen sie, dann geht es mit der Bahn weiter. Innerhalb von einer Dreiviertelstunde sollten sie in der City von Göteborg ankommen. Ich räume noch ein wenig an Bord auf.
Es sieht ganz so aus, als wenn der Motorentechniker heute tatsächlich kommen sollte. Jedenfalls schickt mir Mats schon um 10:00 Uhr ein Foto von den Filtern, die er mitbringen will. Bei einem der Kraftstofffilter hat er meines Erachtens das falsche Teil besorgt, sicherheitshalber schicke ich ihm nochmal ein Foto von dem bei mir verbauten und erst gestern getauschten Filter, den ich vorsichtshalber nochmal in Reserve haben möchte.
Damit keine unnötig zu bezahlende Arbeitszeit anfällt, bereite ich den Einsatz von Mats so gut wie ich kann vor, nehme die Bodenbretter über den Dieseltanks und die Abdeckklappen vom Motorraum weg, lege Werkzeug klar und die Bilge schonmal weitgehend trocken. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass Mats tatsächlich mit seinem Auto bis vor die „NYALA“ fahren kann, was zumindest den Lieferanten des Schleusencafés bisher jeden Tag gelungen ist.
Danach nähe ich auf alle Festmacher, die diese Prozedur noch nicht hinter sich haben, an den Enden saubere Taklings auf. Ich mag es überhaupt nicht, wenn sich der Kern an den Enden aus dem Mantelgeflecht schiebt. Insgesamt werden es noch zehn Taklinge, beim Letzten benötige ich keine drei Minuten mehr für die Arbeit.
Um halb drei rollt ein weißer VW-Bus vor das Boot, darin ein etwa 40 Jahre alter, sehr gutaussehender blonder Schwede, der mir auch beim persönlichen Kontakt genauso sympathisch ist wie am Telefon.
Auf dem Beifahrersitz hat er einen kleinen Dackel, mit dem Mats eine schnelle Runde dreht und ihn dann im gut belüfteten Fahrerhaus zurücklässt. Der kleine Hund schläft bereits wenige Minuten später tief und fest und wird erst wieder wach, als Mats eine Stunde später den Generator und den Kompressor im Auto anlässt.
Die Arbeiten auf der „NYALA“ werden schnell und professionell erledigt, nachdem ich zunächst den Kostenvoranschlag unterschrieben habe.
Zunächst saugen wir beide Tanks komplett leer, was mittels der zwei mitgebrachten 200l-Fässern und einer batteriebetriebenen Pumpe, die wir samt Schlauch durch das Fenster des WC-Raums ins Boot befördern, schnell erledigt ist. Der Saugrüssel reicht dann so eben bis in die Inspektionsöffnung vom Backbord-Dieseltank. Beide Tanks waren tatsächlich randvoll, es müssen also etwa 70 Liter Frischwasser in die beiden Dieseltanks gelaufen sein, die zwar separat absperrbar sind, aber bei offenen Hähnen Verbindung zueinander haben.
Nach dem Abpumpen wurden sämtliche Kraftstoffleitungen, auch die von der Heizung und vom Dieselofen „rückwärts“ – also Richtung Tank ausgeblasen. Dabei wurde von Mats festgestellt, dass sowohl die Heizung, als auch der Dieselofen KEIN Süßwasser abbekommen haben, die Filter waren beide mit klarer, leicht gelblicher Flüssigkeit, also mit Diesel gefüllt.
Die SEPAR-Dieselvorfilter mit Wasserabscheider waren allerdings beide verseucht, wurden geleert und mit neuen Filterelementen versehen.
Sicherheitshalber hat Mats noch den Kraftstofffilter an der Primerpumpe getauscht, obwohl er dort kein Wasser mehr entdeckt hat. Dann erfolgte die Betankung mit 220 Litern frischem Diesel. Die ersten 150l konnten wir bequem per Zapfpistole in den Steuerbordtank füllen, die weiteren siebzig Liter im Backbordtank müssen aus meinem einzigen 10l-Kanister, der für Diesel vorgesehen ist, recht mühsam eingefüllt werden.
Beim dann folgenden Probelauf sprang der Motor nach etwa zehn Sekunden „orgeln“ an und lief wiederum sofort rund. Wir testen beide Tanks und beide SEPAR-Filter, keine Störungen. Auch nach dem Abschalten der Maschine springt der Motor ein paar Minuten später sofort an. Prima!
Mats ist sicher, dass der Motor keinen weiteren Schaden genommen hat. Für die ganze Aktion zahle ich inklusive 220 l frischem Marine-Diesel, der Entsorgung des Diesel-Wassergemischs, aller Filter, 230 km Fahrt und einem – so Mats kräftigem - Wochenendaufschlag rund 1.500 Euro. Dafür hätte ich bei Emil’s Firma mit Sicherheit nicht einmal den Schlepp nach Stenungssund bekommen….
Ich bin happy, als Mats um 18:30 Uhr wieder nach Hause fährt. Sjöstadens Varv in Mariestad und den ebenfalls Mats gehörenden Betrieb in Langedrag würde ich in jedem Fall uneingeschränkt weiterempfehlen. Just als ich fertig bin kommen die Damen zufrieden und mit erstaunlich wenigen Einkaufstüten von ihrem Göteborg-Ausflug zurück.
Nachdem ich den ganzen Tag dafür malocht habe, dass wir morgen weiterkommen, hatte ich gehofft, dass ich mich zumindest um das Abendessen nicht selbst kümmern müsste. Da habe ich mich leider getäuscht. Die Ladies sind platt vom Shoppen, da bleibt mir nichts anderes übrig als mir selbst ein dickes Bauern Omelett zu machen.
Sonntag, 10.08.:
Um 08:25 Uhr legen wir ab, weil der Wind immer mehr auffrischt und wir ziemlich blöd zwischen zwei vor- und hinter uns liegenden dänischen Segelbooten eingekeilt sind. In die Spring eindampfen, um das Heck der „NYALA“ rauszudrehen geht wegen Platzmangel nicht, nach vorn haben wir weniger als einen halben Meter Platz. Zur Contest 48 hinter uns ist die Lücke gerade mal doppelt so groß. Also verholen wir uns Hand über Hand nach achtern und dann an der Contest entlang. Das geht besser als ich gedacht habe.
Ein wenig Sorge habe ich noch wegen der Maschine, die aber unbegründet zu sein scheint. Der Jockel läuft absolut brav. Pünktlich um neun Uhr öffnet die obere der vier mächtigen Schleusen die Tore. Wir laufen ein und machen vorn an der Backbordseite fest. Nachdem noch ein paar weitere Segelboote in die Schleuse gelaufen sind, schließen sich hinter uns die Tore, gehen jedoch nach gefühlten zehn Minuten wieder auf, um ein schwedisches Motorboot reinzulassen.
Dann beginnt das eigentliche und gut einstündige Warten auf die Abwärtsschleusung. Die Mädels halten uns mit zwei Leinen an der Leiter fest, was bei dem schräg ablandigem Wind durchaus Kraft kostet. Als es so gar nicht voran geht, belegen wir die Leinen und legen den Rückwärtsgang ein. Die Böen werden mit dem Bugstrahlruder ausgeglichen.
Meine Damen vergleichen die Warterei mit dem Aufenthalt im Kloster, wo man angeblich geduldig wird. Nach einer halben Stunde erkenne ich den Grund für die Warterei. In der dreistufigen Schleuse unterhalb wird ein Frachter aufwärts geschleust, mit dem wir uns nur in dem Ausgleichsweiher zwischen der obersten und der dritten Schleuse begegnen können.
Es wird tatsächlich recht eng. Beim Ausfahren aus der zweiten Schleuse kommt uns dann sogar noch ein Motorboot entgegen, das in aller Seelenruhe getreidelt wird. Gegenverkehr in der Schleuse hatte ich bisher erst einmal vor vielen Jahren; damals war ich wirklich irritiert.
Kurz nach 13 Uhr laufen wir auf die letzte Schleuse in Lilla Edet zu, vor der seltsamerweise schon ein paar Yachten am Wartesteg liegen, darunter auch die „Moorsteert“, die ebenfalls an der Midsummersail teilgenommen hat und als letzte Yacht noch vor Ablauf des Zeitlimits gewertet wurde.
Die Schleuse hat ein technisches Problem und soll (vielleicht) um 15 Uhr wieder öffnen. Wir machen statt am Wartesteg im etwas ruhigeren „Yachthafen“ fest, der eigentlich nur aus ein paar Stegen mit angefaulten Holzpollern besteht. Selbst ein WC sucht man hier vergebens.
Tatsächlich geht es um Punkt 15 Uhr weiter. Wir wollen versuchen noch bis Göteborg zu kommen, um Marta morgen stressfrei absetzen zu können. Wir legen den Hebel auf den Tisch und rauschen mit sieben Knoten nach Süden, bis wir an der Jordfallbron, einer Straßenbrücke das nächste Mal warten müssen.
Diesmal angeblich auf vier uns folgende Yachten, die aber ALLE nach Kungälv abbiegen. Nun wird es wirklich knapp mit der letzten Brückenöffnung der Hisingbron in Göteborg um 20:35 Uhr, weil wir auch noch darauf angewiesen sind, dass wir die Marieholms-Eisenbahnbrücke dann ohne größere Wartezeit passieren können.
Der sehr freundliche und ausnahmsweise gut zu verstehende Brückenwärter der Marieholmsbron kündigt an, dass er die Brücke sofort öffnen wird, wenn er uns in der Nähe sieht. Tatsächlich brauchen wir nur ein paar Meter vor der Brücke ein wenig Gas wegzunehmen, als wir in das „Leitwerk“ fahren ist die Brücke schon fast ganz offen.
Jetzt haben wir noch eine halbe Stunde Zeit, um auch das nahe gelegene letzte Hindernis des heutigen Tages, die Hisingbron, zu passieren. Diese hebt planmäßig (und pünktlich) um 20:35 Uhr das Brückendeck von 12m auf 28 m Durchfahrtshöhe und wir können durchschlüpfen. Bis zum Stadthafen Lilla Bommen, der ganz in der Nähe von Eisenbahn- und Busbahnhof liegt, ist es jetzt nur ein Katzensprung.
Da laut Dockspot keine freien Plätze für uns verfügbar waren, befürchte ich, dass der Hafen rammelvoll ist, was aber nicht stimmt. Es gibt reichlich freie Liegeplätze, aber kaum für Boote unserer Größe. Mit der Hilfe eines Stegnachbarns zirkeln wir uns ein Loch zwischen zwei Boxenreihen, wo wir längsseits ganz knapp reinpassen.
Nach dem Festmachen setzen wir uns zusammen und lassen den Törn Revue passieren. Wir hatten eine tolle Zeit zusammen, haben uns prima verstanden und konnten weitere 330 Seemeilen in „ŃYALA’s“ Kielwasser legen. Von meiner „Dieselpanne“ mal abgesehen, gab es keinerlei Schäden oder Schrammen am Schiff, lediglich die weißen Fender und die Festmacher haben ein wenig gelitten und zeigen leichte Verschleißspuren. Damit bin ich sehr zufrieden.
Ich hatte schon vor der Reise den Eindruck, als wenn sich Marta und Nici prima verstehen würden, dass die beiden aber „Best Buddies“ würden hätte ich nicht unbedingt erwartet. Nach ein paar Gläsern Wein und Cola Rum gehen wir auf die Kojen. Morgen müssen wir voraussichtlich um 09:30 Uhr auslaufen, weil unsere Nachbarn dann loswollen und wir deren Boot sonst blockieren würden.
Montag, 11.08.:
Um acht Uhr geht die gesamte Besatzung zum Duschen. Mit dem Hafenmeister können wir vereinbaren, dass wir den schon bezahlten, wegen des Dieselproblems aber nicht genutzten Tag in Göteborg nicht doppelt bezahle müssen. Ich freue mich sehr über die Kulanz des jungen Hafenmeisters.
Das letzte Frühstück zu dritt steht nun leider an. Schon um halb neun steht Marta’s Tasche gepackt im Cockpit, eine Stunde später hilft sie uns noch beim Ablegen. Wir sind ein wenig traurig, dass wir Ihre Fröhlichkeit nun entbehren müssen, freuen uns aber auch auf die Zweisamkeit, die wir in den nächsten Wochen haben werden.
Nici und ich machen uns bei frischem West-Südwest auf den Weg nach Marstrand. Aus dem Hauptfahrwasser raus müssen wir motoren und können erst im Bjorkö-Sund die Genua ausrollen, mit der die „NYALA“ manchmal sieben Knoten läuft. Das Segel wird erst kurz vor dem sehr engen Albrektsundskanal wieder eingerollt, wo Segeln einfach keinen Sinn macht.
Eine halbe Stunde später bunkern wir 103 Liter Marinediesel in die (richtigen) Tanks und suchen uns dann einen wunderbarten Liegeplatz am Steg F des großen Yachthafen von Marstrand. An der Tankstelle hatte ich mich über Dutzende aufeinander gestapelte Dinghy-Slipwagen gewundert, vor dem Königlichen Göteborger Segelclub (GKSS) steht auf eine Schild die Erklärung. Momentan finden die Europameisterschaft der ILCAs (International Laser Class Assosiation) statt.
In drei Klassen (Ilca 7, 6 Women und Men) starten unglaubliche 289 Teilnehmer, die nach unserem ersten Spaziergang von der Regattabahn kommen. Zu der riesiegen Anzahl an Jollen kommen gefühlt nochmals mindestens 100 Trainer- und Funktionsboote dazu. Gigantisch!!
Als ich irgendwann allein im Cockpit stehe, kommt ein kleines weißes Tuckerboot vorbei, an der Pinne ein wohlbekanntes Gesicht, was ich zuletzt im Januar auf der Boot und davor ebenfalls hier in Marstrand getriffeb habe. Oliver Berking (Inhaber von Robbe und Berking und ehemaliger Miteigner der 12m-R-Yacht "Sphinx" winkt freundlich und fragte im kurzen Stegschnack tatsächlich, was ich denn mit der „KIALOA“ gemacht habe, an die (oder vielleicht an den Umtrunk darauf) er sich noch gut erinnern konnte.
08.08.2025: Motor läuft mit provisorischer Kraftstoffversorgung wieder
Die Sorge um unseren Motor hat mich schon früh aufwachen und über Alternativen zu der von Emil angebotenen Lösung (Schlepp nach Stenungssund und den Austausch von wichtigen Komponenten im Kraftstoff- bzw. Einspritzsystem des Motors) nachdenken lassen.
Als ich auch um 09:30 Uhr immer noch von Emil „weggedrückt“ wurde, habe ich zunächst mit Jan Kuffel vom Palstek telefoniert und danach mit Dr. Ing. Robert Möckel per Email korrespondiert. Robert hat Schiffsmaschinentechnik studiert und veranstaltet regelmäßig „Schrauberseminare“ für Bootsdiesel. Er gilt zu Recht als einer der absoluten Experten in Deutschland zum Thema Bootsdiesel.
Beide hielten die von Emil angebotenen Schritte für übertrieben und wahrscheinlich unnötig, waren aber – wie ich selbst auch – allerdings der Meinung, dass das sensible Einspritzsystem schnellstmög-lich vom Wasser befreit werden müsse. Robert gab mir per Email den Tipp, die Filter soweit wie möglich zu entwässern und den Motor dann mit einem improvisierten Kraftstoffsystem wieder zum Leben zu erwecken.
Ich habe daraufhin die Filter entwässert, den Kraftstoffhauptfilter an der Maschine getauscht und die manuelle Kraftstoffpumpe bzw. den zugehörigen Filter mehrfach entwässert. Währenddessen hat Nici einen Kanister frischen Diesel besorgt, mit dem wir den Diesel dann innerhalb von einer Stunde wieder ans Laufen gebracht haben. Es hat zwar eine Weile gedauert, bis er ansprang, dann lief er nach kurzem Stottern und Hüsteln jedoch schnell wieder rund und nahm brav Gas an.
Nach insgesamt zwei Stunden problemlosen Lauf bin ich zuversichtlich, dass die Maschine zumindest keinen ernsten Schaden genommen hat.
Nachdem ich bis 15 Uhr trotz mehrfacher Bitten um schnelle Hilfe immer noch keine Nachricht von Emil hatte, habe ich noch ein paar Volvo-Werkstätten im Umkreis angerufen. Eine Werkstatt in Göteborg konnte zwar selbst nicht helfen, weil alle Techniker entweder im Urlaub oder im Krankenhaus waren, hat mir aber immerhin die Telefonnummer einer Schwesterfirma in Mariestad gegeben.
Mats, der Inhaber dieser Firma, kannte die „Kollegen“ aus Stenungssund und hielt nicht mit seiner Kritik an diesem Unternehmen hinter dem Berg. Details möchte ich nicht erwähnen, aber mein schlechter Eindruck wurde bestätigt.
Mats selber bestätigte nochmals, wie wichtig die von mir selbst eingeleiteten und durchgeführten Maßnahmen zur Eindämmung des Schadens waren und wird morgen am frühen Nachmittag mit dem nötigen Absaug- und Reinigungsequipment, sowie benötigten Ersatzfiltern vorbeikommen und auch 220 Liter neuen Diesel mitbringen. Er war zuversichtlich, dass damit alle Probleme aus der Welt geschafft werden können. Bei der Werkstatt in Stenungssund habe ich dann abgesagt.
Auch das Kraftstoffsystem der Webasto-Heizung haben wir entleert und mit frischem Diesel befüllt. Die Heizung streikt aber immer noch. Keine Ahnung, ob es überhaupt mit dem Wasser im Diesel zu tun hat. Hauptsache, die Maschine kommt erstmal wieder in Gang.
Nach der Schrauberei stinke ich zwar von den Händen bis zu den Achseln nach Diesel, bin aber ein wenig stolz, dass ich mit der Hilfe von Nici und auch ein wenig von Marta zumindest ganz schlimmen Schaden wohl abwenden konnte.
Dirk Ammann von Pantaenius schrieb dazu heute Nachmittag (Auszug; auf englisch, weil er seinen schwedischen Kollegen einkopiert hatte):
„Understood that you have been able to feed the engine via an extra canister with diesel and with that, the engine was running 2 hours without problems. Great to hear, happy as no major damage appears to be expected. Great DIY … should think about learning a new job“
Meine Damen überlegen, morgen mit der Bahn einen Ausflug nach Göteborg zu machen. Mir können sie hier ohnehin nicht helfen. Wenn alles glatt geht, würden wir dann am Sonntag in einem Rutsch bis Göteborg fahren, von wo aus Marta am Montag nach Hause fliegen wird.
Ach ja, etwas Wichtiges habe ich seit zwei Tagen vor lauter Diesel-Hassel vergessen: Die Mädels waren erfolgreich als Blaubeer-Sammlerinnen und haben in der Nähe der Schleusen innerhalb von zwei „Ernteeinsätzen“ mehr als ein Kilogramm leckerste Blaubeeren gesammelt…
07.08.2025: Shit happens - Wenn der Skipper zu doof zum Wasserbunkern ist...
Donnerstag, 07.08.:
Wie besprochen machen wir uns um kurz vor halb neun auslaufklar, die Boote hinter uns sind ebenfalls schon startklar. Ich lasse den Diesel an, um ihn schon ein wenig warmlaufen zu lassen, was heute wirklich ein Glücksfall war. Er geht nämlich plötzlich aus und im Bedienpanel erscheint eine Meldung „Wasser im Kraftstoff“.
Das kenne ich noch von der Atlantiküberquerung mit der 46er Swan „Rarotonga“ vor vielen Jahren. Da hat sich dann wohl so viel Kondenswasser im Wasserabscheider gesammelt, dass dieser mal entleert werden muss, was schnell gemacht ist. Denke ich zumindest (fälschlicherweise)…
Also ran an die Separ-Vorfilter unter den Bodenbrettern, Behältnis darunter und Wasser ablassen. Danach erneuter Startversuch. Nix, der Anlasser dreht fröhlich, aber der Motor springt nicht an. Was ist da los? Den Motor entlüften und Kraftstoff vorpumpen sollte nun helfen und ist ebenfalls schnell gemacht, nachdem ich kurz ins Manual gesehen habe.
Nützt auch nichts! Wie kann denn so viel Wasser im Diesel sein? Da fällt mir siedend heiß ein, dass ich gestern Trinkwasser gebunkert habe. Auf der Steuerbordseite sehe ich das Malheur, rund um den Diesel-Einfüllstutzen ist das Deck feucht und riecht nach Diesel. Verdammter Mist! Zum Glück war ich das selbst und kann meine Wut über so viel Doofheit nur an mir selbst ablassen, was ich auch ausgiebig tue.
Sowohl Marta wie auch Nici sehen sich zwar ein wenig in der Mitverantwortung, weil Nici den Schlauch in den (von MIR geöffneten) Einfüllstutzen gesteckt hatte und Marta weil sie schon gestern der Meinung war, dass es an Deck nach Diesel riechen würde.
Das ist aber Quatsch. Für diesen Mist bin ich ganz allein verantwortlich. Was bin ich bloß für ein Volltrottel!
Da die Dieseltanks noch zu etwa 70% gefüllt waren und nun etwas über 90 % anzeigen, müssen sich etwa 60 Liter Wasser auf beide Tanks verteilt haben. Was für eine Scheiße, nun müssen etwa 270 Liter Wasser-Dieselgemisch abgesaugt und separiert oder entsorgt, beide Tanks gereinigt und alle Kraftstofffilter gewechselt werden. Das wird teuer, wenn ich hier überhaupt jemanden finde, der mir kurzfristig helfen kann.
Ein Anruf bei Yanmar in Schweden hilft ein Stück weiter. Ich erhalte drei Telefonnummern von Servicebetrieben, die mehr oder weniger in der Nähe von Trollhättan sind. Leider erreiche ich bei keinem Servicepartner überhaupt jemanden. Weiterer Anruf bei Yanmar, Daniel – der Supportmann – will selbst rumtelefonieren und sich melden.
Eine halbe Stunde später telefoniere ich mit Emil aus Stenungsund, der sich erstmal köstlich über mein Missgeschick amüsiert. Immerhin will er schon mal den Motortyp und den Vorfiltertyp wissen. Mit diesen Informationen will er seine Kollegen befragen, was man wie tun könnte. Außerdem soll Yanmar sich dazu äußern, was alles am Kraftstoffsystem (Einspritzanlage) zu tun ist. „I call you back soon“, verspricht Emil.
Als er sich nach einer Stunde nicht gemeldet hat, rufe ich ihn wieder an. Seine Aussage:
„Ja, das wird leider keine schnelle Reparatur. Wenn Du die Garantieansprüche behalten willst, müssen die Hochdruckpumpe (wahrscheinlich die Einspritzpumpe) und einige andere Teile ersetzt werden. Die erforderlichen Ersatzteile müssen wir zum Teil in Japan bestellen. Das wird zwei, drei Wochen dauern. Vor Ort in Trollhättan können wir nicht viel machen, eigentlich benötigen wir das Boot in Stenungsund bei uns an der Werkstatt. Die Kosten werden bei mindestens sechs- bis achttausend Euro liegen.“
Als ich entgegne, dass ich da ohne Maschine kaum hinkomme, meint er, dass ihm da was einfallen würde. Ich solle in jedem Fall schon mal meine Versicherung informieren, das sei bei ordentlichen Versicherungen üblicherweise durch die Kaskoversicherung abgedeckt.
Sofort rufe ich bei Pantaenius an und spreche da mit Dirk Ammann (ex Hilcken), der verspricht, den Fall sofort an die Schadensabteilung weiterzugeben. Sicherheitshalber schicke ich ihm die Korrespondenz mit Emil per WhatsApp und informiere letzteren darüber, dass Pantaenius bereits informiert ist.
Dirk ist sehr kooperativ und beruhigt mich schnell. „Zum Glück hast Du den „Motorschutz plus“ mit abgeschlossen, der schließt ausdrücklich auch die Fehlbetankung und deren Folgen ein. Mach Dir keine Sorgen und Vorwürfe, das bekommen wir schon hin. Das (Falschtanken) passiert auch den Besten ab und an mal…“
Damit ist unsere Weiterfahrt erstmal gelaufen. Meine Blödheit kostet nun nicht nur die Selbstbeteiligung in der Kasko von 3.000€, auch den Flug zur Beerdigung von Nici’s Vater können wir vergessen. Hier hatten wir – aus Sparsamkeit – keinen Reiserücktritt versichert.
Wer weiß was noch alles hinzukommt. Erst mal macht es mich jedoch verrückt und unruhig, dass ich auch um 16 Uhr noch keine Neuigkeiten zum weiteren Vorgehen, weder von Pantaenius noch von Emil habe. Sicherheitshalber habe ich zumindest die Vertragsnummer von Pantaenius, Motortyp und Seriennummer schon mal an Emil geschickt und beiden Beteiligten mitgeteilt, dass auch die Webasto-Heizung betroffen sein könnte, weil diese heute Nacht auf Störung ging.
Offen gestanden habe ich ernste Sorgen, ob sich der Schaden nicht noch verschlimmern könnte, wenn Motor und Heizung nicht wenigstens blitzschnell mit sauberem Diesel gespült werden. Bei Seewasser wäre das Schadenspotential zwar noch größer, aber auch das Süßwasser ist nicht gerade ein perfekter Korrosionsschutz…
Um 17:30 Uhr ruft mich Dirk von Pantaenius nochmals an und sagt mir, dass ich den Servicetechniker zumindest mit den erforderlichen Sofortmaßnahmen beauftragen soll. Außerdem hat Pantaenius mir eine Schadensmeldung zugeschickt, die ich sofort ausfülle und zurückschicke.
Emil möchte gern „directives“ direkt von Pantaenius bekommen. Ich fürchte, dass wir hier noch länger rumhängen werden. Keine schönen Aussichten!
Zu meiner Überraschung schreibt Dirk persönlich abends um neun Uhr noch eine Mail an Emil und bittet ihn – unter anderem – uns möglichst schnell wieder flott zu machen. Vorher hatte er mir gesagt, dass ich mit den Mädels ins beste Restaurant am Platze gehen und die Damen bei Laune halten soll. Zum Pantaenius-Service gehörten auch Restaurant-Empfehlungen. Pantaenius, da weiß man, was man hat!
06.08.2025: Eingeweht in Trollhättan
Sonntag, 03.08.:
Auch ohne Wecker kommen wir zeitig aus der Koje, gehen an Land schön Duschen und kreisen nach einem guten Frühstück bereits um viertel vor neun vor der Schleuse herum. Um 13:30 Uhr laufen wir gemeinsam mit der „Donnerkeil“ in die letzte Schleuse des Kanals ein. Netti und Wim haben wir auch noch kurz in Sjötorp getroffen. Die beiden hatten aber Bedenken wegen Gewittern am Nachmittag und wollten deshalb nur nach Mariestad.
Familie Richter mit der „Donnerkeil“ lässt sich von uns inspirieren und macht sich ebenfalls auf den Weg nach Spiken. Hoffentlich bekommen wir dort einen Liegeplatz. Während wir direkt nach dem Auslaufen aus der Rinne nach Sjötorp die Segel setzten, brummt Thomas leiber unter Maschine weiter. Zugegebenermaßen lassen auch wir zeitweilig den Diesel mitlaufen, weil einfach zu wenig Wind zum Segeln ist.
Nach Passieren des Brommösundes haben wir einen Anlieger mit einem Schrick drin und laufen nun auch „by fair means“ mit sechs Knoten auf den Ekens Skärgard zu. Es ist ein so tolles Gefühl nach anderthalb Wochen nur unter Motor endlich mal wieder Ruhe genießen zu können und trotzdem voran zu kommen.
Unser Glück hält allerdings nicht lang, erst gibt es ein paar Regenschauer und dann backt der Wind wieder komplett ab; sehr ägerlich. Eine Stunde später kommt die nächste Schauerböe, diesmal mit 30 Knoten von vorn. Gut, dass wir die Segel schon unten hatten.
Um viertel vor sechs tasten wir uns nordöstlich von Schloss Lackö in das Fahrwasser durch den Ekens Skärgard und biegen aber schon nach einer Seemeile wieder nach Süden ab, wo wir um 18:15 Uhr in Spiken festmachen.
Das Abendessen nehmen wir in einem Schnellrestaurant das Abendessen ein. Es gibt Krabben-, Lachs und Kebap-Pizza. Kein kulinarisches Highligt, macht aber satt.
Die Wettervorhersage für die nächsten Tage sieht gar nicht gut aus. Am frühen Montagmorgen soll der noch leichte Wind von Südost auf Südwest drehen und langsam auffrischen. Für Dienstag sind ab Mittag Gewitter und über den ganzen Tag Böen mit bis zu 43 Knoten für den südlichen Teil des Vänersees und den Göta Älv angesagt. Auch am Mittwoch soll es noch tüchtig aus Südwest wehen. Es wird also höchste Zeit zügig nach Süden zu kommen.
Deshalb soll es morgen früh schon um halb fünf losgehen. Dementsprechend früh geht es auf die Kojen.
Montag, 04.08.:
Um halb fünf ist es ausreichend hell um die Tonnenfarben rot und grün einigermaßen unterscheiden zu können. So leise wie es geht schleichen wir uns aus dem Hafen. Die „Donnerkeil“ von Thomas und Judith folgt mit geringem Abstand in unserem Kielwasser.
Mit höchster Konzentration und teilweise auf drei Knoten reduzierter Fahrt tasten wir uns durch den landschaftlich wunderschönen, aber navigatorisch durchaus anspruchsvollen Ekens Skärgård. Nach fünf Seemeilen sind wir im freien Wasser und setzen die Segel. Da unsere Windanzeige ja wieder tot ist, können wir den Wind nur schätzen, es dürften so etwa 8 – 10 Knoten sein, die uns mit halbem Wind und sechs bis siebeneinhalb, in den Böen auch mal mit acht Knoten gen Vänersborg schieben.
„NYALA“ freut sich offensichtlich, dass das Rütteleisen in ihrem Bauch endlich mal wieder Ruhe gibt. Wie versprochen dreht der Wind langsam rechts, die Schoten müssen sukzessive immer dichter genommen werden. Unser Timing war aber immerhin so gut, dass wir bis zwei Meilen vor der Dalbobron tatsächlich segeln können. Dann bergen wir die Tücher und machen sie direkt sturmfest, also die Persenninge drauf.
Die nun folgenden paar Seemeilen werden ein wenig nervig, weil wir immer wieder vor irgendwelchen Brücken längere Zeit auf die Öffnung warten müssen. Besonders nördlich der Eisenbahnbrücke in Trollhättan müssen wir eine ganze Stunde pausieren. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn uns der Brückenwärter nicht erst nach einer Dreiviertelstunde gesagt hätte, dass die nächste Öffnung erst um 12:40 Uhr zu erwarten ist, eine weitere halbe Stunde nach unserem schon endlosen Lauern bei dem dauernd gezeigten Lichtsignal „Die Öffnung wird vorbereitet“…
Vor einer weiteren Straßenbrücke im Zentrum von Trollhättan dann die nächste Pause, diesmal regnet es auch noch in Strömen. Hier dürfen wir ebenfalls erst nach einer guten halben Stunde passieren. Ein paar der mitlaufenden Yachten biegt in die kleine, aber zentrumsnahe Marina ab. Das ist gut so, weil im winzigen Hafen von Trollhättan Akersjön kein Platz für viele größere Boote ist.
Wir lassen uns nicht entmutigen und machen um 14:15 Uhr längsseits einer dänischen X412 aus Kopenhagen fest. Der sehr nette Eigner freut sich, dass auch ich schon an die Vorbereitung auf Starkwind denke und zusätzliche Leinen nach Luv ausbringe, um seine Fender zu entlasten.
Eine halbe Stunde später kommt Marta’s Nichte Sylvia mit ihrer Lebenspartnerin Kenzie zu Besuch. Die beiden jungen Damen heiraten am 23. August. Es gibt ein Kaffeetrinken mit frisch an Bord gebackenem Kuchen und Schlagsahne. Zum Abendessen fahren wir mit dem Auto der Damen in die Stadt und essen köstlich und sehr preiswert im „Indian Palace“.Schon beim Essen müssen wir regelmäßig gähnen, wir haben alle schon mindestens 16 Stunden auf der Uhr.
Auf dem Rückweg zum Hafen machen wir noch einen Zwischenstopp beim Coop-Markt auf dem Weg, weil es auf Akersjön keinen Supermarkt gibt. So komfortabel hatten wir es auf dieser Reise seilten mit dem Einkauf. Wir müssen nur einmal über die Schleuse laufen und sind mit unseren Einkaufstaschen an Bord.
Dienstag, 05.08.:
Heute gibt es nicht viel zu berichten. Ein relativ ereignisloser Hafentag in Trollhättan, weil wir bei angesagten Sturmböen mit 42 Knoten nicht ans Auslaufen denken.
Wir schlafen uns gründlich aus, frühstücken sehr ausgiebig und duschen in den wenig attraktiven Hafen-Duschen – je eine pro Geschlecht. Nici und Marta haben Glück und können sofort in die Dusche, ich habe leider einen Schönling in den Mittvierzigern vor mir, der mich gute zwanzig Minuten warten lässt. Keine Ahnung, ob er diverse benutzte Pflaster auf dem Boden liegengelassen hat oder einer seiner Vorgänger, wirklich einladend ist die Dusche jedenfalls nicht. Morgen dusche ich an Bord, so viel ist schon sicher.
Nici muss nach unserem späten Frühstück ein wenig für Ihren Sohn arbeiten und außerdem wollen sich die Damen auf den Weg zu den Wasserfällen machen, die angeblich täglich um 15 Uhr geöffnet werden. Sie laufen tatsächlich das ausgetrocknete Flusstal hinauf bis zu der Stelle wo man – wenn die Schütze in der künstlichen Staumauer geöffnet werden – am besten das mit beeindruckender Macht durch das Tal schießende Wasser (es waren mal 900 Kubikmeter pro Sekunde) beobachten kann.
Inzwischen wird das Wasser durch das etwas tiefer gelegene Olidan-Wasserkraftwerk geleitet, was mit dreizehn Turbinensätzen eine Maximalleistung von immerhin 130 Megawatt erzeugen kann. Es ist zwar schade um das schöne Naturschauspiel, aber immerhin steht ein aus solidem schwedischen Granit gebautes, architektonisch anspruchsvolles Industriedenkmal am Fluss in dem sauberer Strom in rauen Mengen erzeugt wird.
Die Mädels haben Pech, die Schütze bleiben zu und das Flusstal ausgetrocknet. Trotzdem kommen sie vom vielen Regen zwar pudelnass, aber glücklich zurück.
Zum Abendessen gibt es Dorschfilets satt mit Salzkartoffeln, Butter- und Senfsauce, ein kleines Festmahl. Danach spielen wir zu dritt UNO und haben einen viehischen Spaß dabei. Marta gewinnt überwiegend und Nici und ich ziehen uns dumm und dämlich an Karten, die nicht zu gebrauchen sind, bis auch schlussendlich einer von uns alle Karten ablegen kann.
Die Wettervorhersage von 18 Uhr verspricht auch für morgen noch Starkwind mit stürmischen Böen, also werden wir auch morgen noch in Trollhättan bleiben. So bleibt uns wenigstens Zeit für das Kanalmuseum.
Mittwoch, 06.08.:
Zweiter Sturm- bzw. Starkwindtag in Trollhättan. Heute gehen wir nach dem Frühstück ins Kanal-museum und vertrödeln den Rest des Tages. Die einzig anstehende Arbeit ist das Verholen aus dem Päckchen an einen frei gewordenen Platz an der Pier, wo wir auch unsere Wassertanks nochmal bis zum Rand auffüllen.
Am Nachmittag gibt es ein kleines Oldtimertreffen in der Schleusenregion, was durchaus sehenswert ist. Viele der Autos sind zwar dilettantisch im „amerikanischen Stil“, also mit miesen Spaltmaßen und zentimeterdickem Spachtel „restauriert“, aber trotzdem sehr cool. Mir haben es vor allem ein alter Ford, mehrere Volvos (Buckel und Amazonen) sowie ein paar richtig tolle amerikanische Heckflossen angetan.
02.08.2025: Der höchste Punkt im Kanal ist überschritten
Donnerstag, 31.07.:
Unser Plan, mit der ersten Schleusung weiter aufwärts Richtung Ljungsbro zu gelangen geht heute morgen leider nicht auf. Ein paar andere Boote haben sich vor uns an der Scnleuse aufgereiht. Wir hätten zwar noch irgendwie mit in die erste Schleuse gepasst, hätten dazu aber Fender und Leinen umbauen müssen. Da warten wir lieber ein wenig und nehmen die zweite Schleuse. Ein Fehler, wie sich später herausstellt, weil wir nach dem Passieren der ersten Doppelschleuse den hinter uns kommenden Kanaldampfer „Wasa Lejon“ überholen lassen müssen.
Von Berg Övre aus gilt es zunächst vier Doppelschleusen zu passieren, bevor es dann längere Zeit durch gewundene und enge Kanalabschnitte mit gefühlt ungezählten Straßenbrücken geht, die größtenteils direkt hinter kaum einsehbaren Kanalbiegungen liegen. Meist gelingt das Aufstoppen aber auch ohne eingelegten Rückwärtsgang noch.
In Borenshult müssen wir ebenfalls eine halbe Stunde warten, bevor wir in die handbediente Schleuse vor dem viel fotografierten „Göta Hotell“ einfahren dürfen. Die nächste Wartezeit ergibt sich dann nach der Querung des Borensees – wie immer bei Flaute unter Motor - vor der Schleusentreppe in Borensberg. Als wir im Vorhafen der Schleuse festmachen, wird eine einzige Yacht hochgeschleust, die sich gerade in zweiten von fünf Kammern befindet. Im Anschluss wird ebenfalls eine einzige Motoryacht runtergeschleust, bevor dann um 17:15 Uhr drei und zwei Yachten aufwärts geschleust werden.
Um viertel nach sechs sind wir oben, aber noch nicht am Tagesziel, das eigentlich der am Vätternsee gelegene Hafen von Motala sein sollte. Da nun aber „Feierabend“ im Kanal ist, kommen wir nur bis zur Motala-Verkstad, einer sehr schönen alten Industriebrache.
Motala Verkstad war mal einer der größten schwedischen Arbeitgeber mit einer unglaublichen Fertigungstiefe. Hier wurden Schiffe, Kräne, Brücken, Lokomotiven, Kühlschränke, aber auch medizinisches Gerät gefertigt. Bis vor zwei Jahren gab es dazu ein schönes und sehr informatives Industriemuseum, was aber wohl nach einem Hochwasser geschlossen wurde.
Nach dem Anlegen vor dem Verkstad-Gebäude machen wir einen kleinen Landgang auf die andere Kanalseite und treffen im Café Malboden Netti und Wim, unsere Schleusenkumpanen der letzten beiden Tage. Wir essen eine Kleinigkeit zusammen und nehmen bei uns an Bord noch einen Absacker.Die beiden wollen morgen nach Vadstena, wir mit einem Zwischenstop in der Marina Motala weiter nach Forsvik.
Wir hoffen die beiden äußerst sympathischen Holländer, die ihren ständigen Liegeplatz in Sonderborg – und nicht wie zu erwarten in Zeeland oder am Ijsselmeer – haben, nochmals im Kanal zu treffen. Auch heute haben wir wieder vierzehn Schleusen und elf Brücken „abgehakt“, jetzt kommt nur noch eine Bergschleusung in Forsvik, dann geht es wieder bergab.
Freitag, 01.08.:
Heute sieht es nach Regen aus, den aber noch kein von uns gesehener Wetterbericht prognostiziert. Ich bin nicht sicher, ob ich dem Wetterbericht oder meinen Augen trauen sollte und entschließe mich schließlich für die zweite Option. Deshalb mache ich mich um acht Uhr mit dem Fahrrad auf den Weg zum Supermarkt, um für die nächsten Tage ein paar Dinge einzukaufen.
Zurück an Bord meldet Nici, dass sie sich wohl gestern einen Magen-Darm-Infekt eingefangen hat. Trotzdem laufen wir um kurz vor neun aus, passieren ein paar Brücken und die Niveauschleuse in Motala und sind nun im Vätternsee angekommen.
Die Mädels machen einen kurzen Stadtrundgang; wie zu erwarten sind sie nicht begeistert von Motala.
Anschließend gehen wir gemeinsam in das kleine, aber feine und sehr schön arrangierte Motor-museum, wo ein Privatmann nicht nur eine beeindruckende Oldtimer- und Motorensammlung, sondern auch ein Hotel betreibt. Die Mädels sind begeistert von so viel Nostalgie und freuen sich, dass ich sie in das Museum gelockt habe.
Um viertel vor zwölf laufen wir wieder aus und müssen auch den Vätternsee – wen wundert es wohl – wegen Flaute erneut unter Maschine queren. Auf der Westseite des Sees müssen wir in Carlsborg eine Viertelstunde vor der Straßenbrücke warten, bevor wir weiter Richtung Forsvik tuckern können.
Nun beginnt der (jedenfalls aus meiner Sicht) schönste Teil des Kanals. Die Schleuse in Forsvik ist die größte und älteste des Kanals und hat leider keine gemauerten Wände, sondern furchtbar rauhe, gesprengte Wände. Hier und da gibt es tiefe Kuhlen und spitze Grate in der Wand, an denen die Fender beim Aufschleusen hängenbleiben oder sogar aufgeschnitten werden könnten.
Zum Glück sind wir ganz allein in der Schleuse und können uns daher eine halbwegs günstige Position an der rauhen Wand aussuchen. Außerdem ist der Schleusenmeister einer von der eher vorsichtigen Sorte und erspart uns mit langsamen Füllen der Schleuse Schweißperlen und Sorgenfalten auf der Stirn.
Nach dem Auslaufen aus der Schleuse kommt ein wirklich enges und gleichzeitig gewundenes Kanalstück mit Holzleitbalken, an denen die Passagierschiffahrt offensichtlich regelmäßig längsschrammen. Ich ziehe still den Hut vor den Kapitänen der Kanaldampfer und freue mich, dass wir auf beiden Seiten wenigstens einen halben Meter Platz haben.
Just während der Passage dieser Engstelle ruft Nici’s Bruder an, um mit Nici den Beisetzungstermin für ihren gestern friedlich entschlafenen Vater abzustimmen. Nicht gerade der passendste Moment für eine schnelle Entscheidung.
Die Teilnahme an der Beisetzung, die mir sehr am Herzen liegt, ist logistisch durchaus eine Herausforderung, weil wir – sobald der Termin feststeht – von irgendeinem Hafen aus nach Hause müssen. Dabei muss der Hafen so ausgewählt werden, dass man sein Boot auch bei schlechtem Wetter für mindestens drei Tage unbeaufsichtigt liegen lassen kann, eine möglichst gute Verkehrsanbindung zum Flughafen (möglichst mit Direktflügen nach Düsseldorf) hat und last but not least sollte der Hafen auch in die Terminplanung des restlichen Törns passen sollte.
Da Nici’s Angehörigen gerade beim Bestatter sind, benötigen sie eine möglichst sofortige Entscheidung. Ich sage zu, dass wir das schon irgendwie hinbekommen. Gleichzeitig beginnen sich in meinem Hirn die Zahnräder zu drehen.
Welche Flughäfen kommen in Frage? Göteborg scheidet wahrscheinlich aus, weil wir dann schon weiter südlich sein wollen. Ålborg liegt eigentlich zu weit ab von unserer Route und bietet keine Direktverbin-dungen, auch Århus ist nicht wirklich ideal, bleibt eigentlich nur Kopenhagen übrig.
Der Nachteil von Kopenhagen ist, dass wir dann einen ziemlich großen Umweg über Mön fahren müssen, weil wir mit der „NYALA“ nicht durch den Bogestrøm passen, weil eine Durchfahrt mit unserem Tiefgang nur bei sehr hohem Wasserstand möglich wäre.
Die richtige Entscheidung benötigt Zeit, um eine sorgfältige Abwägung aller Vor- und Nachteile treffen zu können. Die Alternativroute sieht weniger Hafentage an der westschwedischen Küste, in Skagen und auf Anholt vor, und verlagert die Route vom großen Belt in den Öresund und das Smålandsfahrwasser südlich von Seeland.
Abends grillen wir auf dem Steg Dorschfilets und Rinderspieße, dazu gibt es Backofenkartoffeln und Salat. Während der Zubereitung poliert Marta die beiden durch das Vorbeischrammen an einem Schleusentor schwarz gewordenen Fender wieder sauber und ich den Rumpf.
Zum Essen trinken die Mädels ein wenig Wein, der bei beiden seine Wirkung tut....
Sonntag, 02.08.:
Heute steht der landschaftlich schönste, teilweise aber auch anspruchsvollste Teil der Kanalpassage an. Direkt nach dem Auslaufen müssen wir zunächst den Billströmen, dann den Spetnäskanal passieren. Beide Teile sind nur 12 m breit und in den Granit gesprengt, hier können sich nicht einmal Sportboote begegnen.
Wegen der Enge müssen vor der Einfahrt in diese Nadelöhre Schallsignale mit dem Horn gegeben werden. Westgehend zwei- bzw. dreimal lang, ostgehend zweimal lang, einmal kurz bzw. im Spetnäskanal einmal lang. Ostgehender Verkehr hat Vorrang vor westgehendem.
Da ich mein Handnebelhorn nicht finde, muss ich per Trial-and-Error herausfinden, wie die Nebelhorn-Funktion meines – mit dem Horn an der Saling gekoppelte – UKW-Funkgerätes betätigt wird, was zum Glück schnell geht.
Problemlos passieren wir die Engstellen, fahren über den wunderschönen Vikensee und kommen schließlich zur Schleuse Tåtorp, wo es zum ersten Mal abwärts geht. Kein Vergleich zu dem doch anspruchsvollen Aufschleusen; kein wild einströmendes Wasser mit Gischt bis ins Cockpit, keine unter viel Last stehenden Leinen, kein Stress. Das Wasser strömt friedlich aus der Schleuse und man kann einfach weiterfahren. Prima!
Wider Erwarten kommen wir auch in Töreboda zur richtigen Zeit an und können ohne Wartezeit die Eisenbahnbrücke und die Straßenbrücke, die nur stündlich (aber nicht um 12, 13 und 16 Uhr) öffnet, passieren. Statt wie geplant im recht öden Töreboda zu übernachten, fahren wir noch bis Hajstorp, nur wenige Kanalkilometer weiter, und machen dort fest. Wieder ein sehr friedlicher und gemütlicher Ort, diesmal aber mit Strom, Wasser und Dusche….
30:07:2025 Utö - Berg: Die ersten Tage im Göta-Kanal
Montag, 28.07.:
Um fünf Uhr klingelt der Wecker, um halb sechs ziehen wir uns ohne die laute Hilfe des Bugstrahlruders – was wir bei der vorherrschenden Flaute ohnehin nicht benötigen – aus unserer Box und holen Hand über Hand den etwa fünfundzwanzig Meter hinter dem Heck ausgelegten Heckanker auf, an dem ein übel zäher Schlick hängt, der nur schwer mit Wasser und Schrubber zu beseitigen ist. Als wir fertig sind sehen unsere Klamotten und das Cockpit aus wie nach einer Runde Schlammcatchen. Ab in die Waschmaschine mit den Klamotten und dann unter die Dusche und den Schlauch ins Cockpit.
Den ganzen Tag über weht der Wind nur mit maximal fünf bis sechs Knoten, meist aber nur mit weniger als vier Knoten und die auch noch aus nördlichen Richtungen. Da die Wettervorhersage ja für morgen miserabel ist, entschließen wir uns, nicht nach Arkösund, sondern gleich bis Mem zu fahren.
Kurz jagt mir der Autopilot einen Schreck ein, der – immer wenn man die Wegepunktsteuerung aktiviert – statt auf den nächsten lieber auf den letzten Wegepunkt zurückhalten möchte. Aber es liegt nicht am Autopiloten, sondern ausschließlich an meiner eigenen Dummheit. Einfach am Plotter „Wegepunkt überspringen“ klicken und schon klappt alles wieder.
Nach zwölf Stunden Motorfahrt machen wir kurz an der Bootstankstelle in Stegeborg fest, wo wir unserem braven Jockel nochmal 76 Liter „biofreien Marinediesel“ gönnen, damit er uns auch möglichst mit dieser Tankfüllung bis Göteborg schieben kann.
Kurz vor dem Tankstopp hat uns ein komisch aussehender Motorkahn namens „Ocean Seeker“ mit gewaltiger Hecksee so knapp überholt, dass wir so richtig durchgerüttelt wurden. Bei den beiden vor uns fahrenden Schweden nimmt der Kutscher von dem Ungetüm deutlich Gas weg und hält mehr Abstand.
Wir treffen ihn nach dem Anlegen in Mem wieder, wo der Mistkerl schon die erste Schleuse passiert hat. Ich frage nach dem Kapitän und bedanke mich bei ihm für das „rücksichtsvolle“ Überholmanöver und die ungleiche Behandlung seiner Landsleute. Dafür hat er nur ein höhnisches Lachen übrig. Was für ein Arschloch!
Dienstag, 29.07.:
Der Götakanal empfängt uns mit strömendem Regen. Schon in der Nacht bin ich aufgestanden um die Luken bis auf einen Spalt zu schließen und bei Marta, die tief und fest schlief, zumindest das Fenster über dem Kleiderschrank zu schließen, durch das es reinregnete.
Wir beschließen, nach dem Frühstück nach Söderköping zu verholen, weil wir dort erstens besser liegen und zweitens einkaufen können. Nach dem Frühstück checke ich beim Kanalkontor ein, erhalte unsere Unterlagen und bereits um 09:15 Uhr fahren wir in die erste Schleuse des diesjährigen Kanaltrips.
Bis Söderköping sind es noch zwei weitere Schleusen, die bei meinen Ladies schon einen sehr deutlichen Fortschritt in den Manöverabläufen bringen. Die Damen sind stolz auf sich selbst und ich bin stolz auf die Damen, auch wenn noch nicht alles perfekt rundläuft; aber wir haben ja auch noch 55 Schleusen zum Üben…
Am frühen Nachmittag hört der Dauerregen zum Glück auf, wir können endlich auch an Landgang denken. Vorher möchte ich aber noch unseren letzten – noch nicht aufgepumpten – Fender finden, den wir irgendwo auf dem Boot versteckt haben. Nici vermutet ihn unter dem Kopfende unserer Vorschiffskoje oder aber in der Segellast. Ich glaube, dass wir ihn (wie auch seinen Kollegen) in die begehbare Backskiste gestaut haben.
Beide Vermutungen sind falsch. Nach schweißtreibender Suche überlegen wir, wo das Ding sonst noch sein könnte und irgendwann fällt Nici ein, dass sie den Fender unter Martas Koje verstaut hat. Immerhin ist er da.
Die Mädels machen ein wenig Shopping, während ich mich über die Details der beiden nächsten Tagesetappen belese. Außerdem essen wir ein Eis und gehen am Abend im Kanalkrogan – vis a vis von unserem Liegeplatz. Das Essen ist zwar schmackhaft, die Portionen ähneln aber eher Kindertellern, nichts für reelle Macker…
Mittwoch, 30.07.:
Heute lacht wieder die Sonne vom Himmel und lässt uns um 08:45 Uhr mit bester Laune in unseren zweiten Kanaltag starten. Die Wartezeit vor der ersten Brücke ist kurz, in unserem Kielwasser folgen vier Segelyachten, von denen drei unsere potentiellen „Schleusen-Kumpanen“ des heutigen Tages werden.
Wir legen als erste Steuerbord vorn in der Schleuse an, neben uns macht die etwa achteinhalb Meter lange „Jütte“ (Name geändert) fest bzw. versucht es. Das zum Boot gehörige „Personal“ bestehend aus dem Eigner und seiner Frau hat die Lage überhaupt nicht im Griff, verheddert sich ständig in viel zu langen Leinen, belegt diese viel zu weit auseinander und ist weder in der Lage einen Palstek zu machen, noch die Achterleine ordentlich zu belegen, geschweige denn die Vorleine ordentlich steif zu halten.
Ständig motzt der Skipper sein Kahnweib an, obwohl dieses überwiegend gar nicht an den Fehlern des Alten beteiligt ist. Nach drei Schleusungen geht uns das von den beiden verzapfte Chaos so auf den Wecker, dass wir beschließen im Asplangen-See das Weite zu suchen, was zum Glück auch gelingt. „Jütte“ und die beiden anderen Schleusenpartner fallen zurück und schon in der nächsten Schleuse liegt nur noch ein schwedisches Motorboot mit einer sympathischen Familie hinter uns. Wir sind heilfroh, die Chaoten los zu sein.
In Norsholm biegt die Motorquatze ab, um Diesel zu bunkern. Nach Passieren der Niveau-Schleuse Norsholm nebst der zugehörigen Eisenbahnbrücke geben wir etwas mehr Gas und erreichen um 16:30 Uhr den Fuß der Carl-Johann-Schleusentreppe in Berg. In der fünften Stufe liegen zwei Segler, die bergwärts schleusen.
Wir setzen Marta ab, damit sie sich beim Schleusenmeister erkundigen kann, ob wir – trotz vorgerückter Stunde - noch die siebenstufige Schleusentreppe aufwärts geschleust werden. Kein Problem, aber erst müssen die beiden Segler ganz hoch, dann ein Motorboot runter und erst dann sind wir dran.
Diesmal ist ein holländisches Pärchen mit einer Thurö 34 neben uns, weil eine viel schmalere Rethana 27 (ein furchtbar hässliches Boot in mäßigem Pflegezustand) partout nicht an Backbord festmachen will. Die Thurö und wir passen gerade so nebeneinander in die Schleuse. Auch die Besatzung der Rethana aus Franken ist nicht gerade besonders geschickt im Umgang mit den Leinen, auf dem Brombachsee gibt es ja auch keine Schleusen…
Um 19:00 Uhr haben wir nach zehn Stunden, sieben Brücken, 19 Schleusen und nur 27,5 Seemeilen den „Berg“ erklommen und hatten keine nennenswerten Problemchen, geschweige denn ernsthaft haarige Situationen. Die Crew ist mittlerweile sehr gut eingespielt, was ich super finde.
27.07.2025 Stockholm - Utö
Freitag, 25.07.:
Heute ist seit zwei Monaten der erste (und einzige) Tag, an dem ich auf der gesamten Reise allein an Bord sein werde. Ich kann es ruhig angehen lassen, schlafe mich gründlich aus, frühstücke in Ruhe, räume ein wenig unter Deck um und putze auch die ein oder andere Ecke.
Am frühen Nachmittag kommt Oskar von UK Sails vorbei, der das Großsegel repariert hat. Endlich sieht das Kopfbrett so haltbar aus, wie ich mir das vorgestellt hatte. Eine große Anzahl Nieten hält das Segel zwischen den Kopfbretthälften aus Aluminium an seinem Platz, dazu hat Oskar noch drei kräftige Gurtbandverstärkungen angebracht. Das sollte länger halten als der Rest des Segels.
Weiterhin hat er alle sanduhrförmigen Kunststoffbüchsen der Zwischenrutscher mit schmalerem Gurtband so fest eingenäht, dass diese nicht mehr von allein herausfallen sollten, diverse kleinere Macken mit passendem Reparaturtape verstärkt, schwarze (statt weiße) Salingpatches aufgeklebt und schicke keilförmige Patches zum Kaschieren der in Mariehamn aufgenähten Patches und einiges an Flickzeug für alle Fälle mitgebracht.
Auch Oskar scheint ein Typ mit Format zu sein, wir verstehen uns auf Anhieb prima und arbeiten zusammen wie ein gut geöltes Uhrwerk. Die Kosten für seine Arbeit übernimmt der Herstellerbetrieb des Segels in der Türkei, die den Mist verbockt haben.
Abends beehrt mich Gustav von der „Moyenne“, einer Sirius 35 DS. Gustav hat mit einer vierköpfigen Crew an der Midsummersail teilgenommen. Bei ihm lief es nicht so gut mit der Crew, schlussendlich war er der letzte Teilnehmer, der aufgegeben hat, weil er das Zeitlimit nicht mehr geschafft hätte. Trotzdem hat er auf der gelben Tonne in Törehamn gestanden und ist allein von Lulea nach Stockholm gesegelt, was ich sehr beachtlich finde.
Gustav ist gelernter Koch, hat selbst mal ein Hotel geleitet und ist inzwischen selbständiger Berater in der Hotelbranche. Seine Geschichten aus seiner Berufspraxis sind spannend, machen aber teilweise auch sehr nachdenklich. Offenbar gibt es viele Menschen, die vom Betrieb eines Hotels träumen, aber keinerlei Erfahrung in der Branche gesammelt haben. Da fast immer Immobilien zum Betriebsvermögen gehören, gewähren die Banken hohe Kredite, obwohl fast klar ist, dass die Möchtegern-Hoteliers scheitern werden. Gustav ist dann manchmal die letzte Rettung.
Zuerst essen wir im Restaurant des „Spritmuseums“ ein mittelmäßiges Steak, dann trinken wir bei mir an Bord ein paar Cola-Rum. Kurz nach Mitternacht kommt endlich auch Marta an, deren Flug erhebliche Verspätung hatte.
Marta war schon im Vorjahr auf der „Kialoa“ von Trondheim nach Bergen dabei und hat sich dabei nicht nur gut, sondern perfekt bewährt. Die gebürtige Polin unterrichtet in Bremen Deutsch und ist ein ausgesprochen angenehmes Crewmitglied. Stets gut gelaunt, bescheiden und hilfsbereit war sie schon im letzten Jahr ein echter Gewinn an Bord. Ich bin sehr froh, dass sie wieder mit von der Partie ist.
Auch Marta nimmt noch zwei „Absacker“, bevor es nach einem langen Tag auf die Kojen geht.
Samstag, 26.07.:
Der Alkohol-Exzess von gestern führte zu einem erhöhten Schlafbedürfnis. Als ich um kurz nach acht – etwa zwei Stunden nach meiner „normalen“ Zeit wach werde, hat Nici schon mehrfach angerufen uns war wohl ein wenig angesäuert, dass ich nicht ans – lautlos gestellte – Telefon gegangen bin. Sie ist schon seit fünf Uhr auf den Beinen und hat erfolgreich auch den neuen 230 V-Backofen halbwegs handlich verpackt.
Nach einem ordentlichen Frühstück mit Rührei und Speck machen Marta und ich uns auf den Weg in die Stadt, um Nici am Bahnhof zu überraschen. Als sie anrief habe ich Ihr gesagt, dass ich einen Träger namens Carl für ihr Gepäck organisiert hätte, der sie mit einem Schild mit ihrem Namen drauf am Bahnsteig des Arlanda-Express in Empfang nehmen würde. Dass ich das selbst sein würde hat sie wohl nicht erwartet und ist dementsprechend überrascht, Marta und mich am Bahnhof zu sehen.
Marta begibt sich nach der ersten Begrüßung auf Touristen-Tour mit Gamla Stan, Königlichem Schloss, Nobel- und Wasa-Museum; Nici und ich fahren mit dem Taxi zurück zum Wasahafen, suchen einen Platz für den neuen Backofen und machen einen ausgiebigen Mittagsschlaf.
Zum Abendessen treffen wir – leider vorerst zum letzten Mal – Thomas und Fritzi von der „Marysol“, mit denen wir schon viel Spaß in den letzten drei Wochen hatten. Gemeinsam genießen wir im Wirtshaus „Ulla Winbladh“, einer ganz hervorragenden Adresse in der Nähe des Skansen-Freilichtmuseums ein fantastisches Abendessen. Gegen elf Uhr verabschieden wir uns von der „Marysol“-Crew und gehen auf die Kojen. Morgen wollen wir relativ zeitig los, um auf Utö möglichst noch einen ordentlichen Liegeplatz zu ergattern. Leider soll es wieder nur sehr leichten Wind und den auch noch zu einem erheblichen Prozentsatz der dreiunddreißig Seemeilen langen Reist dummerweise nur von vorn geben.
Sonntag, 27.07.:
Um viertel vor acht sind wir unterwegs. Wetterwelt hatte dummerweise Recht mit der Wetterprognose. Es ist zunächst sehr flau und als der Wind endlich zunimmt, kommt er aus südlichen Richtungen. Wir müssen die ganze Strecke motoren.
Als wir gegen vierzehn Uhr in den Hafen von Utö kommen, freue ich mich zunächst. Es ist gar nicht so voll wie ich dachte. Allerdings sind alle „guten“ Plätze auf der Ostseite des Hafens entweder schon belegt oder reserviert.
Wir machen dann auf der flacheren Westseite des Hafens mit Heckanker fest und haben Glück, dass wir einen der wenigen ausreichend tiefen Liegeplätze ergattern können. Nach dem Festmachen und Aufklaren gehen wir ins Dorf und besuchen den vielleicht 80 Quadratmeter großen „Supermarkt“, der aber recht gut sortiert ist. Wir konnten sogar eine Kastenform für unseren neuen Backofen erstehen, in dem Nici bereits unterwegs einen Stuten und ein Vollkornbrot gebacken hat.
Am späten Nachmittag hole ich mir die neueste Wetterprognose aus dem Internet und muss leider zur Kenntnis nehmen, dass wir auch morgen wieder mit Flaute zu rechnen haben. Es soll südliche, später südöstliche „Winde“ mit ein bis zwei, in Böen zwei bis drei Beaufort geben. Mist verdammter, schon wieder Motorfahrt! Trotzdem werden wir morgen einen langen Schlag machen müssen, weil es am Dienstag zumindest bis Mittag kräftig regnen soll.
Also steht für morgen Arkösund (55 sm) auf dem Programm. Am Dienstag haben wir dann nur noch 22 Seemeilen bis Mem und ein paar mehr bis Söderköping, wo wir dann hinwollen. Auslaufen ist für 06:00 Uhr geplant.
Während ich die Routen für die nächsten Tage in den Plotter „klöppele“, machen sich die Mädels zum Schwimmen auf der anderen Seite der Bucht auf. Es ist toll, wie sich die beiden Damen verstehen. Ich hatte von vorn herein ein sehr gutes Gefühl bei der Crewauswahl für den Göta-Kanal. Schön, dass ich mich nicht getäuscht habe.
24.07.2025 Saltsjöbaden - Stockholm
Mittwoch, 23.07.:
Sightseeing, Teil 2 steht für heute auf dem Plan. Wir stehen heute erst um halb sieben, für unsere Verhältnisse richtig spät, auf und beginnen den Tag mit einer ausgiebigen Dusche an Land, was inzwischen für uns eher die Ausnahme ist. Wir haben uns so an unsere Dusche an Bord gewöhnt, dass – wenn überhaupt – nur noch das etwas lästige Trockenputzen des Duschraums stört. Da wir aber beide sehr ordentlich sind, mögen wir darauf auch nicht verzichten, auch wenn man das vielleicht könnte.
Nach dem Frühstück fahren wir mit dem Bus wieder bis zur Station Slussen und steigen dort auf das Pendelfährboot nach Djurgarden um. Es hält direkt vor dem Tivoli, der allerdings nicht auf dem Programm steht. Zuerst statten wir dem Hafenmeister im Wasahafen einen kuren Besuch ab, um mit ihm zu klären, ob wir eventuell auch eine Nacht länger bleiben können, ohne zu verholen. Andernfalls müssten wir am Sonntag spätestens um 12 Uhr auslaufen. Da wird Nici aber noch nicht wieder zurücksein, die ich erst gegen 14 Uhr an Bord erwarte.
Unseren über www.dockspot.com reservierten Liegeplatz können wir leider nicht verlängern, man empfiehlt uns stattdessen schon morgen Vormittag zu kommen und dann eine freie „Drop In-Box“ zu nehmen, wo wir so lange liegen bleiben können wie wir mögen.
Danach stehen die Sehenswürdigkeiten Nummer zwei und zehn (Wasamuseum und Abba-Museum) auf dem Programm. Die „Entwicklung“ des Wasamuseums verfolge ich seit 1985 – da war ich zum ersten Mal in Stockholm -, im Abba-Museum war ich erst einmal vor ein paar Jahren mit meiner Exfrau und meinen Töchtern.
Die „Wasa“ beeindruckt mich auch beim vielleicht achten Besuch noch sehr, Nici ist völlig von den Socken. Wenn man sich den 18m hohen Spiegel bei einer Schiffslänge von über alles nur knapp 48m zwischen den Loten betrachtet, verwundert es wenig, dass dieses stolze Schiff bei mäßigem Wind schon auf seiner Jungfernfahrt nach weniger als einer Seemeile kenterte und sank.
Was jedoch mit der Bergung und Rekonstruktion des nach gut 300 Jahren gehobenen Schiffes geleistet wurde, ist schlichtweg fantastisch.
Leider ist es im Museum ziemlich voll und die vielen Menschen gehen uns ziemlich auf die Nerven. Trotzdem gehen wir – nachdem wir aus dem Wasamuseum herauskommen – gleich weiter zum Abba-Museum, wo wir gegen Mittag ankommen. Vor dem Museum steht eine hundert Meter lange Schlange! Alle paar Minuten gibt es eine Durchsage, dass das Museum für heute „fully booked“ sei und man bestenfalls nach 16 Uhr noch reinkommt.
Das sparen wir uns und machen uns wieder auf den Rückweg nach Saltsjöbaden, wo wir unsere gestern verpasste Mittagsstunde nachholen und uns Abends im Restaurant „Holmen“ eine Riesenportion Krabben und dazu zwei Glässer Bier bzw. Weißwein genehmigen. Auch wenn es mit Abba heute nicht geklappt hat, war es ein toller Tag. Nici ist ganz traurig, dass sie morgen – wenn auch nur kurz – abmustern muss.
Donnerstag, 24.07.2025
Bereits um 06:30 Uhr laufen wir frisch geduscht aus und verholen uns in den Wasahafen, wo wir tatsächlich einen wunderbaren Platz bekommen. Wieder klettert Nici auf den spindeldürren Fingersteg, um unsere Steuerbord-Achterspring auf Slip nehmen zu können. Diesmal fällt sie nicht ins Wasser, bekommt aber trotzdem einen nassen Hintern, weil die Auftriebskörper des Fingerstegs selbst ihre zarten 60 Kilo nicht tragen können.
Nach dem Festmachen und Einchecken frühstücken wir in Ruhe, lassen die Waschmaschine nochmal laufen und gehen dann, natürlich mit vorbestellten Karten und Termin erneut zum Abba-Museum. Wir haben eine Menge Spaß in diesem Museum, es ist unbedingt sehenswert. Eines der Mädels vor dem Eingang verspricht „If you are no Abba-Fan actually, you will be an Abba-Fan after passing the exit door.“ Sie hat wohl recht, wir waren es aber vorher schon.
Leider wird es nun Zeit mich für die nächsten zwei Tage von meiner Liebsten zu verabschieden, was wir an der Straßenbahnhaltestelle mit Knutschen und Winken erledigen. Reichlich kitschig und schmalzig vielleicht, aber uns war danach.
Auf dem Rückweg zum Boot denke ich nochmal über die letzte Etappe nach. Meine Sorge, dass uns die „NYALA“ zu zweit an unsere Grenzen bringen könnte, waren – auch Dank des guten Wetters – unbegründet. Wir haben zu zweit 580 Seemeilen zurückgelegt, von denen wir allerdings 194 Seemeilen motort haben, was überwiegend dem sehr schwachen Wind, zum kleineren Teil den Problemen mit unserem Autopiloten und dem schlecht verarbeiteten Großsegelkopf und den teilweise engen Schärenfahrwassern geschuldet war.
Von den ausführlich beschriebenen Problemen mit der Navigationselektronik und dem Großsegel mal abgesehen, gab es keinerlei erwähnenswerte Schäden oder Macken am Boot. Wir vertragen uns auch nach zwei Monaten ununterbrochenem Zusammensein auf engstem Raum hervorragend. Ich bin sehr glücklich darüber…